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Interview | „Hyperinflation nimmt kein Experte ernst“

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03.09.2021

Sie ist ein deutsches Schreckgespenst: die Inflation! Dabei läuft die Debatte darüber sehr oft sehr verquer, gerade die lautesten Warner haben oft am wenigsten Ahnung. Florian Kern hat früher für die Bundesbank gearbeitet, heute versucht er, Licht in die geldpolitische Debatte zu bringen.

der Freitag: Herr Kern, die Inflationsrate ist im Juli mit 3,8 Prozent auf den höchsten Stand seit 1993 geklettert. Kommt jetzt die große Geldentwertung?

Florian Kern: Ich denke nicht. Bei den 3,8 Prozent im Juli 2021 handelt es sich um einen Basiseffekt: Die Inflation wird ja immer im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres angegeben. Nun war erstens im Juli 2020 die Inflation negativ, zweitens wurde damals die Mehrwertsteuer abgesenkt, die inzwischen wieder erhöht wurde, und drittens haben sich die Energiepreise, die wegen Corona im Keller waren, wieder erholt. Wenn wir den Juli 2021 mit dem Juli 2019 vergleichen, dann haben wir im Schnitt pro Jahr eine Inflationsrate von 1,8 Prozent.

Wie bitte? Man hört doch neuerdings, dass sogar das Risiko einer Hyperinflation wie in den 1920erJahren gestiegen sei?

Es gibt in Deutschland immer wieder Stimmen, die vor einer Hyperinflation warnen, die aus den stark gewachsenen Notenbankbilanzen und den Ankaufprogrammen entstehen könnte. Das ist aber ein Argument, das in der Fachwelt niemand ernst nimmt: Weil es einem Fehlverständnis von Geldpolitik geschuldet ist.

Sie meinen, derartige Warnungen kommen von Leuten, die sich beim Thema Inflation nicht wirklich auskennen?

Wenn wir vergleichen: Wir haben in der Medizin derzeit Leute wie Sandra Ciesek oder Christian Drosten, die in der Öffentlichkeit auf sehr hohem Niveau virologische Fragen diskutieren. So etwas gibt es in der Geldpolitik so nicht. Dort haben wir oft den Typus des Universalökonomen, der zum Arbeitsmarkt, zur Geldpolitik, zu Staatsanleihenmärkten und zur Energiewende gefragt wird und sich dazu äußert. Aber diese Universalökonomen neigen leider dazu, manche Entwicklungen auf Gebieten, die nicht ihr Fachgebiet sind, nicht mitzubekommen.

Wollen Sie damit etwa andeuten, dass Hans-Werner Sinn gar kein Virologe ist?

Falls Hans-Werner Sinn vor einer Hyperinflation warnt aufgrund der geldpolitischen Ankaufprogramme des Eurosystems, dann, würde ich sagen, hat er sehr viel verpasst in der geldpolitischen Forschung der vergangenen Jahre.

Auf Sinn kommen wir noch mal zurück. Aber gibt es nicht doch eine Art Post-Corona-Inflation? Wenn der aufgeschobene Konsum sich entlädt, das........

© der Freitag


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