Der Transatlantismus ist tot, nur die EU hat es noch nicht gemerkt
In Europa werden einseitige, dysfunktionale Abhängigkeiten meist erst dann thematisiert, wenn der Schaden bereits eingetreten ist. Bei der russischen Gasabhängigkeit reichten allerdings wenige Tage, um nach dem Schock des russischen Überfalls auf die Ukraine politische und wirtschaftliche Verantwortungsträger zu öffentlichen Fehlerbekenntnissen und Kurskorrekturen zu bewegen.
Anders verhält es sich mit den Abhängigkeiten von den Vereinigten Staaten, obwohl diese Abhängigkeiten deutlich tiefer und weitaus umfassender sind. Nun, da die USA Venezuela angreifen, in der Ukraine über die Köpfe der Europäer hinweg verhandeln und ihren Blick auf Grönland richten, tritt Europas sicherheitspolitische Ohnmacht offen zutage. Der Kontinent ist nicht nur außerstande, diesen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, er lässt sich dabei auch noch öffentlich vorführen.
Unter diesen Umständen wäre ein Umdenken bei den langjährigen Verfechtern transatlantischer Gewissheiten zu erwarten. Doch bisher dominiert ein auffälliges Schweigen. Wo in den sozialen Medien und Kommentaren vereinzelt auf das Versagen des transatlantischen Denkens hingewiesen wurde, folgte prompt der Einwand: Nicht die Transatlantiker trügen die Verantwortung, sondern ein „sicherheitspolitischer Mainstream“, der sich gegen eine eigenständige europäische Verteidigungs- und Rüstungsfähigkeit gestellt habe. Die Transatlantiker selbst waschen ihre Hände in Unschuld.
Diese Argumentation beruht jedoch auf einer analytischen Trennung, die historisch wie politisch kaum haltbar ist. Einen sicherheitspolitischen Mainstream, der unabhängig vom Transatlantismus existierte, hat es in Europa über Jahrzehnte hinweg nicht gegeben. Im Gegenteil: Transatlantisches Denken bildete den Kern dieses Mainstreams. Die Orientierung an den Vereinigten Staaten, die Primärstellung der NATO, die bewusste Einbettung europäischer Sicherheit in amerikanische Garantien – all dies waren prägende Leitlinien der sicherheitspolitischen Elite in den Denkfabriken, Verteidigungsministerien, Parlamenten, europäischen Institutionen und in den meinungsprägenden Leitmedien.
In der Praxis wurden sicherheitspolitische Entscheidungen in Europa häufig auf Grundlage amerikanischer Einschätzungen zu Bedrohungslagen, militärischen Zeitplänen und Eskalationsrisiken getroffen. Europäische Regierungen verfügten zwar........
