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Millenials | Esst die Reichen!

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23.09.2021

Die Jungen sind hungrig und die Reichen stehen auf der Speisekarte. Erstmals erwähnt wurde diese Delikatesse im 18. Jahrhundert, als der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau angeblich erklärte: „Wenn die Menschen nichts mehr zu essen haben, werden sie die Reichen essen!“ Derzeit ist dieser Satz weit verbreitet auf Twitter und anderen Sozialen Medien zu finden. Auf TikTok gehen Videos viral, auf denen junge Leute mit unverbrauchten Gesichtern bedrohlich ihre Gabeln gegenüber allen erheben, die Autos mit einem Startknopf oder Kühlschränke mit Wasser- und Eiswürfel-Spender besitzen.

Sollten also die Milliardäre dieser Welt – und die Kühlschrankbesitzer – nur noch mit einem offenen Auge schlafen? Nicht wirklich. Es ist klar, dass Millennials (die zwischen Anfang der 80er und Mitte der Neunziger Geborenen, auch „Generation Y“ genannt) und die darauf folgende Generation Z nicht wirklich Gewalt befürworten. Aber ganz offensichtlich handelt es sich doch um mehr als nur um ein weiteres virales Meme.

Die wohl berühmteste linke Millennial, die New Yorker Demokraten-Rebellin Alexandria Ocasio-Cortez fasst den Zeitgeist der Generation sehr gut zusammen. Während eine linke Einstellung häufig die Domäne sozial unbeholfener Nerds – hi! – und brüllender älterer weißer Männer zu sein scheint, ist Ocasio-Cortez Symbol der coolen Kids, die die Umverteilung von Reichtum und Macht gerne mit einer kräftigen Beilage Mainstream-Populärkultur serviert bekommen.

Das ist nicht für alle ganz einfach: Als die Kongressabgeordnete eine Einladung zur extrem exklusiven Met Gala in New York annahm und dort in einem Abendkleid auftrat, auf dem „Besteuert die Reichen“ prangte, schlossen sich auch einige Linke der aufgebauschten Empörung der politischen Rechten an. Ob man ihren Auftritt nun für eine kühne Aufforderung an die unverschämt Reichen hält, auf ihrer eigenen exklusiven Party der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, oder für einen Gag, der dadurch beeinträchtigt wurde, dass er in einer realen Version der Hauptstadt aus der dystopischen Romanreihe Die Tribute von Panem stattfand – offensichtlich können die Eliten nicht vermeiden, dass die Jugend ihre politischen Muskeln spielen lässt.

Laut einem im Juli publizierten Bericht der rechten Denkfabrik Institute for Economic Affairs (IEA) ist unter den Jüngeren in Großbritannien ein klarer Linksruck zu verzeichnen. Fast 80 Prozent machen den Kapitalismus für die Wohnungsnot verantwortlich, 75 Prozent halten die Klimakrise für „speziell ein Problem des Kapitalismus“ und 72 Prozent sind für eine weitreichende Verstaatlichung. Alles in allem wollen 67 Prozent der Befragten gern in einem sozialistischen Wirtschaftssystem leben.

Angesichts einer – nach der Überwindung des Corbynismus – scheinbar hegemonialen Konservativen Partei im Höhenflug sei die Umfrage ein „Weckruf“ für Unterstützer des Marktkapitalismus, warnt das IEA. „Die Ablehnung des Kapitalismus ist vielleicht nur ein abstrakter Wunsch. Aber das war der Brexit auch.“ Das gleiche auffällige Phänomen eins Linksrucks zeigt sich übrigens auch auf der anderen Seite des Atlantiks: Laut einer Studie der Harvard University im Jahr 2016 lehnten mehr als 50 Prozent der jungen Leute im wichtigsten Land der Laissez-Faire-Wirtschaft den Kapitalismus ab. Und 2018 ergab eine Gallup-Umfrage, dass nur noch 45 Prozent der jungen Amerikaner Kapitalismus positiv bewerteten, während das 2010 noch 68 Prozent taten.

Der 33-jährige Jack Foster, der in Salford für eine Bank arbeitet, ist ein Beispiel dafür, wie gelebte Erfahrung die Enttäuschung über den Kapitalismus verstärkt hat. Nachdem er sein Studium abgebrochen und in einem Callcenter – ein „schrecklicher Job“ – gearbeitet hatte, beeinflusste, wie bei vielen, in seiner Generation der Finanzcrash seine politische Einstellung. Dabei war das Thema Wohnen von besonders großer Bedeutung. „Ich lebte in einer Mietwohnung und dachte: ‚Wie soll ich mir je ein eigenes Haus leisten können?‘“, erzählt er . „Meine Mutter war Reinigungskraft, mein Vater hatte eine Behinderung, und alle Leute, die ich kannte und die sich ein Haus leisten konnten, wurden von ihren Eltern unterstützt. Es war keine Frage von Arbeiten und Sparen; man musste Geld........

© der Freitag


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