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Yellow Press | Ehejahre einer Kanzlerin

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22.09.2021

Zu den vielfach wiederholten Merksätzen über Angela Merkel gehört, dass sie in ihrer 16-jährigen Amtszeit stets eine „Teflon-Kanzlerin“ gewesen sei, an der diskursiv schlicht nichts haften bleibe. Genauer besehen erscheint die Sache jedoch komplexer. Zum einen ist es nämlich nicht einfach so, dass Merkel quasi-präsidial über dem politischen Betrieb schwebte und sich jeder Einordnung entzog. Vielmehr beherrschte sie ein intrikates Zurechnungsmanagement, das in der Regel zu ihren Gunsten ausfiel. Das Publikum vermochte ihr bei Erfolgen zu unterstellen, dass diese dank ihrer Sachkenntnis und strategischen Weitsicht zustande kamen, während sie gleichzeitig den Eindruck vermitteln konnte, dass Niederlagen und Fehler nicht wegen, sondern trotz ihr passierten. Oder anders gesagt: Merkel gelang es, für sich eine politische Hermeneutik des Wohlwollens in Anspruch zu nehmen, wodurch man ihr im Zweifelsfall abnahm, dass sie mit den von Andi Scheuer oder Horst Seehofer verantworteten Entscheidungen nichts zu tun hatte.

Die Teflon-Metapher scheint aber auch deshalb unzureichend, weil zum medienpolitischen Kapital der Kanzlerin eine spezifische Form der Authentizität gehörte: ein Habitus der Bescheidenheit, Bodenständigkeit und Uneitelkeit. Nun mag diese medial vermittelte Authentizität ebenso einem inszenatorischen Kalkül folgen, da Merkel darum wissen wird, dass bei ihren regelmäßigen Einkäufen in einem Supermarkt in Berlin-Mitte Handybilder von Umstehenden entstehen, die auf Facebook und Twitter das Porträt einer unprätentiösen Spitzenpolitikerin zeichnen, die Wein und Klopapier bisweilen noch selbst einkauft.

Doch ganz gleich, ob darin nun Berechnung steckt oder nicht, entfaltet dieser Habitus der Bodenständigkeit seine Wirkung. Das erkennt man nicht nur daran, dass er in kaum einem journalistischen Merkel-Porträt unerwähnt bleibt, sondern man sieht es noch deutlicher, wenn man in die tiefsten Niederungen des Boulevards hinabsteigt, die mit dem Begriff des Journalismus nicht mehr........

© der Freitag


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