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Krieg | Nie wieder Frieden?

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23.06.2022

Meine Heimatstadt Lviv liegt sehr nahe an der polnischen Grenze. Binnen weniger Autostunden befindet man sich im friedlichen Polen, in Sicherheit, an einem Ort, wo keine Bomben fallen. Nicht jeder darf ausreisen, nicht die Männer im wehrpflichtigen Alter, nur Frauen, Kinder und Rentner. Deshalb markiert die Grenze zwischen der Ukraine und Polen jetzt nicht nur die Grenze zwischen Krieg und Frieden, zwischen EU und Nicht-EU. Es ist auch eine Grenze, die viele Familien auseinanderreißt.

So wie meine Familie. Wenige Tage vor dem Angriff fuhren wir nach Polen, Freunde besuchen. Wegen der Quarantäneregeln sollte mein Sohn länger als geplant bleiben. Meine Tochter und ich blieben mit ihm. Mein Mann fuhr zurück und wollte uns nach der Quarantäne abholen. Am 24. Februar waren diese Pläne nicht mehr aktuell. Mein Mann entschied sich, in den Krieg zu gehen. Er ist jetzt im Osten des Landes. Für mich und die Kinder ging es von Polen zuerst nach Ungarn, zurzeit leben wir in Deutschland. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach unterstützt uns seit Monaten. Wir dürfen hier wohnen, lernen, studieren, übersetzen. Ich darf als Writer in Residence schreiben und kann im Forschungsreferat mitarbeiten. Mein Sohn wurde an der Stuttgarter Uni aufgenommen. Meine Tochter geht in Marbach aufs Gymnasium.

Vor ein paar Tagen war ich zu Gast in einer besonderen Stadt. Die Stadt liegt gleichzeitig in Deutschland und in Polen. Ich sollte die Deutsch-Polnischen Medientage mit einer Rede eröffnen. Am Vorabend ging ich mit meinem Navi durch die Stadt, um zu sehen, wo die Tagung stattfinden wird. Man hatte mir von einem wunderschönen alten Haus in der „Parkstraße“ erzählt. Ich ging hin und fand die richtige Nummer. Das Haus war tatsächlich alt und schön, aber offensichtlich privat bewohnt, kein Tagungsort.

In der Nähe saßen ein paar Jugendliche und rauchten. Ich fragte sie, ob sie etwas über eine Kultureinrichtung wüssten, hier in der Nähe. Vielleicht die Stadthalle gegenüber, meinten sie. Die wurde jedoch offenbar renoviert, eine große Tagung konnte hier kaum stattfinden. Zurück im Hotel fragte ich noch mal nach. Es stellte sich heraus, dass ich statt „Parkstraße“ in Görlitz eine „ulica Parkova“ in Zgorzelec suchen musste. Das tat ich – und tatsächlich, hier war der Tagungsort.

Unterschiedlicher könnten zwei benachbarte Straßen nicht sein. Hundert Schritte weiter, und ich befand mich in Osteuropa. Überall bunte Werbung für billige Zigaretten, viele Kneipen, die hausgemachtes Essen........

© der Freitag


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