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Armut | Von denen, die nicht wählen gehen

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24.09.2021

„Wir haben jetzt wochenlang Ferien aber ich kann nichts mit meinen Kindern machen. Keinen Urlaub, keinen Freizeitpark, noch nicht mal in den Zoo“, sagt die alleinerziehende Mutter, die beim Discounter arbeitet. „Das Wenige, was ich erspart habe, ist alles während des Lockdowns draufgegangen, als die Kinder nicht zur Schule durften. Die haben sich zu Hause die Köpfe eingehauen. Oder meinen Sie, ich hätte für die drei Kinder jeweils ein eigenes Zimmer? Und dann muss ich mir das dumme Geschwätz der Politiker anhören, wir sollen uns zusammenreißen und so. Die haben gut Reden in ihren Villen und mit der Kohle. Gott sei Dank versteh ich eh nur die Hälfte von dem, was die sagen. Die wissen doch überhaupt nicht, wie wir leben müssen. Ich wähl keinen von denen.“ Die Frau ist aufgebracht und traurig. Ich habe gerade eine Literaturwerkstatt in Norddeutschland beendet und war mit der Mutter, die ihren zwölfjährigen Sohn abholte, ins Gespräch gekommen. Der steht etwas deprimiert daneben. „Du hast aber gesagt, wir gehen in den Ferien einen Hamburger essen“, wirft er schließlich ein. „Das werden die uns auch noch verbieten.“

Hat denn die Mutter Recht? Hat die – nicht nur politische – Elite keine Ahnung vom Leben der „einfachen Leute“? Mitten im Lockdown spaziere ich abends in einem Park und entdecke drei Jugendliche, die sich hinter einem Gebüsch verstecken. Ob es ihnen nicht zu kalt sei, frage ich. „Wir können nicht nach Hause, da ist es zu eng, da gibt es nur Stress. Wissen die Politiker, was sie da machen? Die versauen uns die Jugend!“ ärgert sich die junge Frau unter ihnen. „Die müssen ja auch nicht so hausen wie wir. Meine Mutter sucht verzweifelt eine größere Wohnung, aber als Ausländer hast du keine Chance, genauso wenig, wie ich einen Ausbildungsplatz finde. Ich bin jetzt 18 geworden, aber ich werde nicht wählen gehen. Ich weiß nicht, was die Politiker machen, mit uns hat das nichts zu tun!“

Mit einer Gruppe von jungen Menschen gehe ich im Norden in ihrer Freizeit spazieren. Nach unserer Literaturwerkstatt haben sie mich etwas verschüchtert gefragt, ob sie noch bei mir bleiben dürften. Dass Erwachsene ihre Freizeit mit ihnen verbringen, hatten sie noch nie erlebt. Sie fragen mich, warum die Politik nichts gegen ihre Armut tut, warum ihre Eltern arbeiten und arbeiten und trotzdem nichts dabei herauskommt. Sie sind für ihr jugendliches Alter wahnsinnig vernünftig, reflektiert und viel zu erwachsen. Erst auf dem Spielplatz, wo keine Kinder spielen und ich mich auf eine Schaukel setze, fällt ihre Angestrengtheit ein wenig von ihnen ab. Als wir gehen, sagt eine Jugendliche, dass sie seit Jahren nicht mehr so viel Spaß hatten.

Wir gehen in die Innenstadt, wo junge Menschen mit einem Stand gegen die Klimapolitik demonstrieren. Ob wir da hingehen wollen, frage ich.

„Nee, die stinken“, antwortet ein Mädchen. „Ich riech nix!“

„Okay, Mirijam, aber nur, weil du es bist. Mit dir gehen wir überall hin.“

„Auch in die katholische Kirche und da mit Senioren wandern?“

„Klar“, rufen zwei Jungens.

Wir gehen zu dem Stand. Die Jungen in meiner Gruppe haben akkurate Kurzhaarfrisuren, die Mädchen alle glatte lange Haare und lackierte Fingernägel. Am Stand stehen junge Menschen, teilweise mit Pumphosen, Dreadlocks oder bunten Haaren. Einer am Infotisch sagt, wir sollten uns doch bitte Flyer mitnehmen. Meine Jugendlichen fangen an zu kichern und rennen weg. Am nächsten Tag erzählen sie, dass sie das mit der Umwelt schon wichtig finden, aber dass die Leute so peinlich waren.

„Gehst Du trotzdem mit uns in die katholische Kirche und dann mit den alten Leuten wandern?“

„Klar, habe ich doch........

© der Freitag


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