Anselm Ludwig Feuerbach hatte illustre Vor- und Nachfahren. Sein Vater Paul Johann Anselm gilt als Begründer des modernen deutschen Strafrechts. Seine Mutter stammte vom Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar ab. Sein Neffe Anselm Feuerbach (1829 – 1880) war ein bedeutender Maler. Anselms bedeutendstes Werk ist Das Gastmahl des Plato (erste Fassung 1869) Auf der rechten Seite des sechs mal drei Meter großen Gemäldes sitzen Sokrates und andere ermüdet um einen Tisch, von links dringt mit zwei Fackeln, bekränzt, betrunken und von Hetären begleitet der Jüngling Alkibiades ein. Die Männer rechts sind offenbar nicht erfreut, in der Bildmitte steht aber einer, der vermitteln will.

Der Berliner Religionswissenschaftler Klaus Heinrich hat das Bild in einer Vorlesung ausführlich analysiert. Er sah hier einen kulturellen Bruch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dargestellt: weg von der Aufklärung hin zum Irrationalismus ( Wagner).

Erst das Fressen Feuerbachs Ausspruch „Der Mensch ist, was er isst“ war nur der Kommentar zum Buch eines Physiologen (Jakob Moleschott), dessen Gesichtspunkte er wichtig fand, aber nicht verabsolutieren wollte. Für ihn selbst war Moral das Wichtigste am Menschen, nur dass er materialistisch über sie dachte: Die Möglichkeit von Moral basiere auf der Achtung der Würde der Menschen, ihrer natürlichen Bedürfnisse und ihres Glückseligkeitstriebs. Ausdrücklich berief er sich auf Das Kapital von Karl Marx: Das dort beschriebene Elend der Arbeiter:innen war kein Nährboden für moralisches Verhalten ( Vom Kopf auf die Füße). „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, dichtete später Bert Brecht. Feuerbach hatte schon 1868 dasselbe geschrieben, nur anders formuliert: „Wo das zum Leben Notwendige fehlt, da fehlt auch die sittliche Notwendigkeit.“

Feuerbach-Thesen Der Denkweg von Karl Marx begann mit Feuerbachs Kritik an der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels ( Sinnlichkeit). Friedrich Engels erinnert daran in seiner Schrift Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie (1886). Wir lesen da aber auch, dass Marx, anders als Feuerbach, Hegels Dialektik nicht verworfen habe. Unter Dialektik ist im Kern zu verstehen, dass das Denken über alles, was es denkt, auch hinausdenkt – „Selbstbewegung“ des Denkens. Das war Marx wichtig, er betonte aber den Primat der realen geschichtlichen Bewegung. Deshalb regiert „die Praxis“ seine Thesen „ad Feuerbach“, in denen er früh (1845) seinen Ansatz formulierte. Aller bisherige Materialismus, auch der Feuerbach’sche – so gleich die erste These –, habe den Gegenstand, die Sinnlichkeit, „nur unter der Form des Objekts“ begriffen, „nicht aber als menschliche sinnliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv“. Trifft diese Kritik denn zu? Sinnlich war für Feuerbach nicht zuletzt die Beziehung zum anderen Menschen, der mir meine Grenzen aufzeigt und mir hilft, sie zu überschreiten.

Grüner Heinrich Das Denken vieler Menschen wurde von Feuerbach auf die Spur gesetzt. Gottfried Keller zum Beispiel, der Schweizer Dichter, bezeugt es in seinem Roman Der Grüne Heinrich (1854/55): „Gleich einem Zaubervogel, der in einsamem Busche sitzt“, hätten Feuerbachs Bücher „den Gott aus der Brust von Tausenden hinweg“ gesungen. Keller selbst hatte ihn aber nicht nur gelesen, sondern auch gehört – 1848/49 als Student in Heidelberg. Dorthin war Feuerbach zu Vorlesungen eingeladen worden, nicht von der Universitätsleitung freilich, sondern von Studenten. Was soll’s, er hielt die Vorlesungen dann eben im Rathaussaal ab, vor 250 Menschen aller Gesellschaftsklassen (➝ Zeitgenosse).

Humboldt-Uni Anlässlich des 70. Todestags von Karl Marx wurde 1953 dessen Elfte Feuerbach-These am Treppenaufgang des Hauptgebäudes der Ostberliner Humboldt-Universität angebracht: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern.“ Nach 1990 gab es Kräfte, die die Entfernung des Zitats verlangten. Denn es sei „ein Herrschaftssymbol“. Wissenschaft in der DDR habe sich an Marx orientieren müssen. Aber schon weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht, mussten die Messinglettern bleiben. Sie regen jetzt zu der Frage an, ob es Marx angemessen war, wie sich die DDR an ihm orientierte.

Projektion 1841 in Das Wesen des Christentums kam Feuerbach zu dem Schluss, dass die Menschen in den Eigenschaften ihres „Gottes“ ihre eigenen Wesenskräfte wie „Wille, Liebe oder Herz“, aber auch ihr unendliches Streben „hypostasiert“, das heißt verdinglicht und verselbstständigt hätten. Solche Kräfte „hat“ der Mensch nicht, aber sie bestimmen ihn, und so als das ihm Vorschwebende hat er sie erschaffen. Karl Marx sprach häufig auch von Gott als einer „Projektion“ menschlicher Kräfte. Den Projektionsbegriff hatte Marx wohl der Philosophie Johann Gottlieb Fichtes (1762 – 1814) entlehnt. Allerdings meinte er, es gelte jene Kräfte zurückzuholen, sich „anzueignen“, also doch zu „haben“. Feuerbach hingegen berief sich auf Martin Luther, bei dem wir lesen: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Und so kann sich nun auch die moderne Theologie, etwa Wolfhart Pannenbergs (1928 – 2014), auf Feuerbach berufen ( Tod).

Reitemeyer-Witt Denker wie der Marxist Ernst Bloch (1885 – 1977) oder der Heidegger-Schüler Karl Löwith (1897 – 1973) haben sich mit Feuerbach auseinandergesetzt ( Grüner Heinrich), in der universitären Fachphilosophie wurde er aber lange übergangen. Seit den späten 1950er Jahren ist das anders geworden. Seit 1987 gibt es die „Internationale Gesellschaft der Feuerbach-Forscher“, deren Präsidentin Ursula Reitemeyer-Witt seit 2010 auch die „Arbeitsstelle Internationale Feuerbach-Forschung“ an der Universität Münster leitet. Reitemeyer-Witt fragt danach, inwiefern Feuerbachs Philosophie zum Bindeglied taugt zwischen dem, was sein soll: der Würde des Menschen, und den positiven Wissenschaften, die beschreiben, was ist. In einer Zeit, wo Supermächte einander vorwerfen, die jeweils andere Macht halte die „Menschenrechte“ nicht ein, und dabei unterstellen, dass man selbst es aber tue, ist eine wichtigere Forschungsaufgabe der philosophischen Anthropologie kaum vorstellbar.

Sinnlichkeit Feuerbach warf Hegels Philosophie die Abstraktheit vor ( Feuerbach-Thesen): Wer das Denken abstrakt anfangen lasse – wie Hegel seine Wissenschaft der Logik mit dem Hinweis, dass Sein und Nichts dasselbe seien –, komme aus dem Abstrakten gar nicht mehr heraus. Feuerbach folgend hat der frühe Marx Hegel vorgeworfen, in aller Wirklichkeit nur die Anwendung der logischen Kategorien zu sehen. Später schrieb er von seinem eigenen Hauptwerk Das Kapital, es schreite „vom Abstrakten zum Konkreten“ fort. Das hieß aber, es springe nicht gleich ins Komplexe, sondern beginne – konkret! – mit der einfachsten sinnlich erfahrbaren Oberfläche des Komplexen (mit der Ware und der „allgemeinen“ Ware, dem Geld).

Tod Bei allem Verständnis für die Religion stellt der Materialist Feuerbach klar, dass der Tod „vollständig“ sei: Es gibt kein Weiterleben danach. „Vollständig“ ist dann vor allem das Leben davor. Und auch das hat die moderne Theologie aufgegriffen ( Projektion): Jesu Christi Leben vor dem Tod sei vollständig gewesen, habe keiner Ergänzung bedurft, schreibt Karl Barth (1886 – 1968), und Karl Rahner (1904 – 1984): „Wer einmal eine sittlich gute Entscheidung auf Leben und Tod getroffen hat, radikal und unversüßt, so dass daraus absolut nichts für ihn herausspringt als die angenommene Güte dieser Entscheidung selbst, der hat darin schon jene Ewigkeit erfahren“, die durchaus nicht „als ein zeitliches Weiterdauern ‚hinter‘ unserem Leben sich hinzieht“.

Vom Kopf auf die Füße Zur Theologie gehörte immer die Aufzählung der Eigenschaften oder „Prädikate“ Gottes, wie Liebe, Gerechtigkeit usf., Feuerbach aber erklärt, nicht mehr und nicht weniger als solche Prädikate seien das Göttliche. Eine Stilfigur der Umkehrung ergibt sich daraus: „Nicht die Eigenschaft der Gottheit, sondern die Gottheit der Eigenschaft ist das erste wahre göttliche Wesen.“ Marx hat auch gern so gesprochen. Wenn er allerdings, wie Engels sagt, „Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt“ habe, ist das nicht mehr Feuerbachs Gedanke: Bei Hegel werde das Materielle vom Denken bestimmt, bei Marx aber sei das Denken das im Kopf „übersetzte Materielle“ ( Erst kommt das Fressen).

Wagner Nach der Niederlage der 1848er-Revolution änderte sich das kulturelle Klima in den deutschen Staaten ( Anselm): Im Bürgertum machte sich Pessimismus breit. Das charakteristische Beispiel ist Richard Wagner, dessen Opern nach 1848 von der Philosophie Arthur Schopenhauers (1788 – 1860) durchtränkt sind. „Gleich einem Pendel“, so Schopenhauer, schwinge „das Leben hin und her zwischen dem Schmerz und der Langeweile“. Nur die „Verneinung des Willens zum Leben“ könne uns erlösen und um dahin zu gelangen, helfe die Musik. Tatsächlich geht es in Wagners Tristan und Isolde (1859, Uraufführung 1865) eigentlich nur um den Wunsch der beiden Liebenden, gemeinsam zu sterben – was ihnen nicht gelingt. 1848/49 hatte Wagner auf den Barrikaden gestanden, bis dahin war er Feuerbachianer gewesen. So verteidigt der Titelheld der Oper Tannhäuser (1845) die sinnliche Liebe, auch wenn er dafür von der Gesellschaft und vom Papst geächtet wird. Bis 1875 hat Wagner die Oper immer wieder überarbeitet.

Zeitgenosse Im „Vormärz“, der Zeit zwischen den Revolutionen 1830 und 1848, war Feuerbach der Spiritus Rector der oppositionellen Bewegung in den deutschen Staaten gewesen. „Wir waren alle momentan Feuerbachianer“, schreibt Engels in der Rückschau. Feuerbach blieb sich aber auch nach 1848 treu. Noch im Jahr ihrer Gründung, 1869, trat er der von Wilhelm Liebknecht (1826 – 1900) und August Bebel (1840 – 1913) geführten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei. An seinem Begräbnis 1872 nahm denn auch eine „unübersehbare“ Menge teil. Die Partei hatte dazu aufgerufen: „Arbeiter von Nürnberg, Fürth und Umgebung! Vereinigt Euch mit uns, um am Sarge L. Feuerbachs nochmals ihm und seinen Lehren die gebührende Huldigung darzubringen“, „uns die Hand zu reichen zu einer Massendemonstration gegen das Pfaffentum!“

QOSHE - Göttlich | „Wir waren alle momentan Feuerbachianer“ - Michael Jäger
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Göttlich | „Wir waren alle momentan Feuerbachianer“

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13.09.2022

Anselm Ludwig Feuerbach hatte illustre Vor- und Nachfahren. Sein Vater Paul Johann Anselm gilt als Begründer des modernen deutschen Strafrechts. Seine Mutter stammte vom Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar ab. Sein Neffe Anselm Feuerbach (1829 – 1880) war ein bedeutender Maler. Anselms bedeutendstes Werk ist Das Gastmahl des Plato (erste Fassung 1869) Auf der rechten Seite des sechs mal drei Meter großen Gemäldes sitzen Sokrates und andere ermüdet um einen Tisch, von links dringt mit zwei Fackeln, bekränzt, betrunken und von Hetären begleitet der Jüngling Alkibiades ein. Die Männer rechts sind offenbar nicht erfreut, in der Bildmitte steht aber einer, der vermitteln will.

Der Berliner Religionswissenschaftler Klaus Heinrich hat das Bild in einer Vorlesung ausführlich analysiert. Er sah hier einen kulturellen Bruch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dargestellt: weg von der Aufklärung hin zum Irrationalismus ( Wagner).

Erst das Fressen Feuerbachs Ausspruch „Der Mensch ist, was er isst“ war nur der Kommentar zum Buch eines Physiologen (Jakob Moleschott), dessen Gesichtspunkte er wichtig fand, aber nicht verabsolutieren wollte. Für ihn selbst war Moral das Wichtigste am Menschen, nur dass er materialistisch über sie dachte: Die Möglichkeit von Moral basiere auf der Achtung der Würde der Menschen, ihrer natürlichen Bedürfnisse und ihres Glückseligkeitstriebs. Ausdrücklich berief er sich auf Das Kapital von Karl Marx: Das dort beschriebene Elend der Arbeiter:innen war kein Nährboden für moralisches Verhalten ( Vom Kopf auf die Füße). „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, dichtete später Bert Brecht. Feuerbach hatte schon 1868 dasselbe geschrieben, nur anders formuliert: „Wo das zum Leben Notwendige fehlt, da fehlt auch die sittliche Notwendigkeit.“

Feuerbach-Thesen Der Denkweg von Karl Marx begann mit Feuerbachs Kritik an der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels ( Sinnlichkeit). Friedrich Engels erinnert daran in seiner Schrift Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie (1886). Wir lesen da aber auch, dass Marx, anders als Feuerbach, Hegels Dialektik nicht verworfen habe. Unter Dialektik ist im Kern zu verstehen, dass das Denken über alles, was es denkt, auch hinausdenkt – „Selbstbewegung“ des Denkens. Das war Marx wichtig, er betonte aber den Primat der realen geschichtlichen Bewegung. Deshalb regiert „die Praxis“ seine Thesen „ad Feuerbach“, in denen er früh (1845) seinen Ansatz formulierte. Aller bisherige Materialismus, auch der........

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