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Essay | Markt ohne Kapital, geht das?

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01.05.2022

Das Kapital wird von Karl Marx wie folgt definiert: Es „setzt nur einen bestimmten Mehrwert, weil es den unendlichen nicht at once setzen kann; aber es ist die beständige Bewegung, mehr davon zu schaffen.“ Eine solche Bewegung ins Unendliche vergrößert nicht nur ständig die Schere zwischen Reich und Arm, sie wird auch unvermeidlich die Grenzen der ökologischen Belastbarkeit der Erde überschreiten.

Wenn wir für eine ökologieverträgliche nichtkapitalistische Ökonomie kämpfen wollen, müssen wir uns zunächst klar machen, was das eigentlich sein könnte. Karl Marx meint, damit eine Ökonomie die von der Gesellschaft gewünschten Ergebnisse hervorbringt, müsse sie geplant werden. Was verstand er unter Planung? Ein „Verein freier Menschen“, schreibt er, solle die „Proportionen“ der Ökonomie ins „richtige“ Verhältnis „zu den verschiednen Bedürfnissen“ setzen. Und wer soll planen? Er schlägt von allen Bürgerinnen gewählte Räte der einzelnen Kommunen einer Gesellschaft vor, keinen Zentralstaat wie im Realen Sozialismus. Nun ist das ein Planungsbegriff, den die Verteidiger der kapitalistischen Marktwirtschaft als solchen gar nicht kritisieren würden. Nur Marx’ Vorstellung vom Planungssubjekt ginge ihnen nicht weit genug. Dass Marx – würden sie argumentieren – nicht den Zentralstaat zum Subjekt mache, sei ja schon ein Schritt in die richtige Richtung. Aber auch die Kommune sei noch viel zu weit von den Bürgerinnen entfernt, als dass sie deren „verschiedne Bedürfnisse“ wirklich kennen könne. Nein, das könne nur der Markt an Ort und Stelle leisten, am besten direkt vor der Haustür der Individuen oder heute am Computerbildschirm.

In dieser Überlegung steckt aber ein Fehler, denn es gibt neben den Proportionen vor Ort, zum Beispiel wie viele Brötchen die Berliner Kantstraße braucht, auch die großen gesamtgesellschaftlichen Proportionen. Auf die haben die einzelnen Käuferinnen keinen Einfluss. So hatte das Proletariat zu Marx’ Zeit nicht genug Lebensmittel, dafür konnte es unverhältnismäßig viel Branntwein kaufen. Marx analysiert das so: Wenn auf die Bedürfnisse der Bürgerinnen niemand anders planend reagiert als die Kapitalisten, die miteinander um den Verkauf konkurrieren, dann regiert übergreifend nur noch der „Tauschwert“, der das Gegenteil einer Planungsinstanz ist. Er bewirkt den puren Zufall und wiederkehrende Krisen. Die Aktualität der Analyse........

© der Freitag


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