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Corona | Viren aus dem Labor

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23.09.2021

Covid-19 hat uns alle zu Virologen gemacht. Am Küchentisch und in der Mittagspause gehen Fachbegriffe wie Fall-Sterbe-Rate und Herdenimmunität leicht von den Lippen. Einer dieser Begriffe, die früher nur Spezialisten kannten, ist „gain of function“ (GOF, „Funktionsgewinn“). So werden Experimente bezeichnet, die Krankheitserreger ansteckender oder tödlicher machen. Denn, so behaupten manche, mit solchen Laborversuchen sei SARS-CoV-2 erzeugt worden. Ist das möglich – können virologische Experimente eine Pandemie auslösen?

Bei GOF-Experimenten entstehen Erreger, die es in der Natur nicht gibt. Für Unbehagen sorgten zwei Forschungsteams, die 2010 die Influenza H5N1 so mutieren ließen, dass das Virus über die Luft übertragbar wurde – H5N1 springt sporadisch von Vögeln auf Menschen über und tötet sie in den meisten Fällen. 2014 pflanzten US-Forscher das Stachelprotein von SARS-CoV-1, mit dem das Virus an menschliche Zellen anhaftet, in ein anderes Coronavirus ein, das bis dahin nur Fledermäuse befiel. Dann untersuchten sie, ob diese Chimäre menschliche Atemwegszellen infizieren konnte. So wollten sie herausfinden, wie weit entfernt das Fledermaus-Virus vom Überspringen auf Menschen ist – und schufen potenziell eine neue Krankheit.

Solche Experimente fanden auch im chinesischen Wuhan statt, wo SARS-CoV-2 zum ersten Mal entdeckt wurde. In der globalen Gerüchteküche Internet machen seitdem Theorien die Runde, die den Erreger mit GOF in Verbindung bringen. Mittlerweile äußern Regierungsvertreter aus den USA, China und Australien solche Verdächtigungen. US-Präsident Joe Biden beauftragte die Nachrichtendienste, zu untersuchen, ob es einen Laborunfall gegeben habe. Ende August bekam er ihren Bericht, aber auch der enthält keine Indizien für diese These. Weder die Gensequenz noch die Eigenschaften von SARS-CoV-2 deuten auf einen synthetischen Ursprung hin. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um einen „Wildtyp“, der natürlich entstanden ist.

Sind die Virologen damit aus dem Schneider? Nicht ganz. „Dass ein Laborangestellter sich infiziert, während er in einer Fledermaushöhle Proben einsammelt, oder eine direkte Übertragung von einer Fledermaus auf einen Menschen, das gehört zu den wahrscheinlichen Hypothesen.“ So äußerte sich Mitte August Peter Ben Embarek, ein dänischer Zoonosen-Experte. Er leitete die Mission der WHO nach Wuhan, die den Ursprung der Pandemie aufklären sollte. Dass SARS-CoV-2 nicht........

© der Freitag


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