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Essay | Schuld an der Misere

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27.06.2021

Am 24. Juni 2016 erlebten viele nach dem Aufwachen eine Art Gregor-Samsa-Moment. Die Demoskopen hatten für die Brexit-Abstimmung zwar ein enges Rennen prognostiziert, aber knapp 52 Prozent für die Leaver und nur gut 48 für die Remainer, das war je nach politischer Lesart ein Schock oder ein Paukenschlag. Worauf sich alle einigen konnten, war die Formel von der gespaltenen Gesellschaft und dem Riss, der nicht nur durch das Land, sondern auch durch die Familien geht. Alt gegen Jung, Provinz gegen Stadt, Arm gegen Reich, Volk gegen Elite. Fünf Jahre später findet sich kaum eine gesellschaftspolitische Gegenwartsanalyse, in der darauf verzichtet wird, die Problemkonstellation entlang dieses Schemas zu skizzieren. Und zwar nicht nur für Großbritannien, sondern auch für zahlreiche andere westliche Länder. Das spricht entweder für einen großen Wahrhaftigkeitsgehalt oder aber für ein großes Desinteresse daran, einen genaueren ökonomischen und sozialpsychologischen Blick auf die unterschiedlichen Milieus zu werfen.

Die Vertreter der „Leave“-Kampagne traten mit dem lauten Ruf nach Souveränität an, aber sobald es um Fragen der konkreten Gestaltung des EU-Ausstiegs ging, agierten sie verdruckst und unsouverän. Für den tatsächlichen Brexit hatten die Brexiter keinen Plan und keine analytischen Überlegungen. Schottland und Wales? Der Sonderfall Nordirland? Den Konflikt hatten die Brexit-Apologeten verdrängt. Die Propaganda schien zentraler als das Ziel. Bei ihrer Kampagne ging es schließlich darum, Emotionen und Affekte hervorzurufen, Fakten, Details hätten nur gestört. Leo Löwenthals gerade wieder aufgelegter Klassiker Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation von 1948, in dem er nicht die NS-Propaganda, sondern die Themen und demagogischen Techniken selbst ernannter Volkstribune in den USA analysierte, ist auch im Hinblick auf den Brexit aufschlussreich, wenn der Literatursoziologe und Mitbegründer der Kritischen Theorie feststellt, dass die Propaganda bereits die Substanz ihrer Politik ausmacht und die agitatorische Technik als „auf den Kopf“ gestellte Psychoanalyse beschreibt.

Was genau der Game........

© der Freitag


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