We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Porträt | „Krimis helfen, wenn die Welt düster ist“

4 3 8
16.09.2020

Zehn Uhr, an einem Freitagmorgen in Los Angeles. Steph Cha sitzt auf einem Sofa in ihrem Zuhause und blickt aufmerksam in die Kamera ihres Computers. Brandsätze, ihr Roman über Rassismus und Gewalt, ist hierzulande vor wenigen Tagen erschienen, in den USA hatte er bereits 2019 Aufsehen erregt.

Steph Cha wirkt sehr konzentriert beim Gespräch, nur gelegentlich zucken ihre Augen, huscht ein Lächeln in ihr Gesicht. „Hier ist gerade mächtig viel los“, erklärt sie. Im Hintergrund kann man Geräusche hören, aber niemanden außer Steph Cha sehen. Was denn los sei, frage ich. Sie erwähnt die Basset Hounds, ihr vier Monate altes Baby, alle unter Aufsicht ihres Mannes, sagt sie, der seit dem Beginn der Coronapandemie im Home Office ist und ihr eine große Hilfe. Zum Schreiben kommt Cha dennoch nicht: „Eine Kurzgeschichte habe ich zustande gebracht, und wahrscheinlich werde ich erst wieder einen Roman beginnen, wenn die Pandemie vorbei ist.“

Drei weitere Romane hat die 1986 geborene Cha geschrieben, seit 2013 der Auftakt ihrer Reihe um die Möchtegerndetektivin Juniper Song erschien. Song ist wie die Autorin selbst Tochter koreanische Einwanderer und großer Fan von Raymond Chandler, diesem Magier des Noir (siehe Kasten), der simple Krimiplots in große Literatur verwandelte. Und wie Raymond Chandlers Held Philip Marlowe watet auch Juniper Song unbeirrt durch den moralischen Sumpf, der diesen manchmal sehr unpassenden Namen „Los Angeles“ trägt.

„Chandler ist das wichtigste Vorbild für mich als Autorin“, sagt Cha. „Ich liebe ihn über alles, seit ich im College Der große Schlaf und später alle seine Bücher gelesen habe. Für mich definiert er, wie man über Los Angeles, diese Stadt des hellen Sonnenscheins und der tiefen Schatten, schreiben kann und muss.“

Cha entschied sich schon früh, noch während ihres Jurastudiums, Schriftstellerin zu werden. Mit 22 hatte sie dann die Idee für ihre Figur Juniper Song. Zum einen wollte sie einen Roman schreiben, der sich mit Chandler messen kann – oder zumindest mit ihrem Vorbild in den Ring treten. Zum anderen war ihr sehr bewusst, dass seine Geschichten heute von vielen LeserInnen als altmodisch, misogyn und rassistisch empfunden werden. „Genau das machte es interessant für mich: Chandler in das L. A. von heute zu transportieren und dann auch noch aus der Sicht einer Frau mit Migrationshintergrund zu erzählen.“

Wie andere Frauen einer neuen Generation von Krimiautorinnen, darunter Sara Gran und Attica Locke, nimmt sie klassischen Noir und eignet ihn sich an, bricht mit der männlich definierten Tradition. „Natürlich ist das auch ein feministisches Statement“, sagt Cha. Los Angeles, hat Roman Polanski, der Regisseur des Neo-Noir-Klassikers Chinatown einmal gesagt, sei die schönste Stadt der Welt – wenn man sie bei Nacht und aus großer Entfernung betrachten würde. Steph Chas Brandsätze hingegen ist eine........

© der Freitag


Get it on Google Play