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Reportage | Die Fischerinnen

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30.08.2021

Behutsam lässt Gabriela Garrido ein Netz ins Meer. Ein kleines rundes Netz, das durch einen Eisenring gespannt ist, so groß wie ein Fahrradreifen, mit einem Fischkopf in der Mitte. Gabriela Garrido jagt Krebse. Das Netz ist ihre Falle. Der Fischkopf lockt sie an. Nach einer Weile zieht sie das Netz wieder hoch, heute sind es nur ein paar kleine Krebse, Garrido macht ein enttäuschtes Gesicht. Sie schaut sich jeden einzelnen Krebs an, „viel zu klein“, sagt sie und wirft sie wieder ins Meer. Die 55-Jährige fischt nur ausgewachsene Krebse, die mindestens doppelt so groß sind, doch es wird immer schwieriger, welche zu finden. Vor wenigen Jahren hätte Garrido in ein paar Stunden ihr Boot mit ausgewachsenen Krebsen gefüllt. Inzwischen ist der Bestand enorm zurückgegangen.

Schuld daran sei der industrielle Fischfang, und vielen Männern fehle der Nachhaltigkeitsgedanke, sagen die Fischerinnen. Sie wollen das ändern, die Arbeit der Frauen anerkennen lassen und ihren Beruf vor dem Aussterben retten. Gabriela Garrido ist am Meer aufgewachsen. In Coliumo, einer kleinen Ortschaft rund eine Stunde entfernt von Chiles Küstenstadt Concepción. Ihr Vater nahm sie schon früh mit aufs Meer, und schon damals wurde sie misstrauisch beäugt. Noch heute sagen viele Fischer, eine Frau auf dem Boot bringe Unglück. Doch das Unglück kommt ganz ohne die Frauen: Seit den 1970er-Jahren gehen die Meerestierbestände zurück. Ein Phänomen, das ganz Chile heimsucht.

Bis in die 1980er-Jahre gab es kaum eine Gesetzgebung für den Fischfang, erzählt die chilenische Anthropologin Catalina Alvárez. Mit der Abnahme der Bestände beschloss die damalige Militärdiktatur, den Fischfang zu regeln. Es ging um Fangquoten und alles, was auf dem Meer geschieht. Alvárez sagt: „Die damaligen Gesetzesmacher dachten an die Ressourcen und vergaßen die Lebenstradition und Arbeit rund um den Fischfang komplett.“ Vor allem aber die Rolle der Frauen. Die meisten Frauen beschäftigen sich mit der Verarbeitung des Fangs, der Reparatur der Netze und der Ernte von Algen, die am flachen Ufer oder an Steinkliffen wachsen. Alles Arbeiten, die von der Gesetzgebung kaum beachtet wurden. Obwohl man für das Sammeln von Algen eine Bewilligung braucht, fehlt sie Frauen oft bis heute.

Es herrscht die Annahme, Frauen seien bei der Genehmigung für ihre Männer mit eingeschlossen. Als Folge werden sie von Weiterbildungen ausgeschlossen, über ihre Ehemänner bezahlt und haben keinen gesetzlich geregelten Schutz.........

© der Freitag


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