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Ortstermin | Mit dem Dorfblick sieht man besser

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20.08.2021

Phänomenen kann man gut an ihren Rändern auf die Spur kommen. Sangerhausen, ein heißer Samstag vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Der Abstimmung, an der sich zeigt, wie groß die Chancen grüner Politik im Bund sind. Auffällig in den engen Gassen: hohe Bereitschaft, sich Orchideen in Erdgeschoss-Fenster zu stellen. Mittagssonne über dem leeren Marktplatz, in Abständen patrouillieren tiefergelegte Autos, aus offenen Fenstern fallen harte Bässe aufs Pflaster, hallen nach zwischen sanierten Fassaden. Tekke, sagt Maren Enke, zuckt mit den Schultern, wir sprachen gerade darüber: eine Art Hirntod-Sound, beliebt in der Gegend. Enke erzählt von nicht minder harten Drogen, toxischer Männlichkeit, davon, dass viele in ihrem Alter die CDU wählen. Eine unpolitische Geste sei das, Gewohnheit, Vertrauen, dass die Dinge weiterlaufen, sich nicht groß verändern. Also, fragt man dann, laufen sie gut?

Maren Enke, 20 Jahre alt, schüttelt den Kopf. In Sangerhausen aufgewachsen, Vater aus Schleswig-Holstein, Mutter aus der Stadt, vor ein paar Monaten hat sie sich zu den Grünen gesellt – sie ist eine der Jüngsten im Kreisverband. Wenn man im Ort Politik machen will, erzählt sie, ist der einfachste Weg der über die Junge Union.

Enke erzählt, dass sie nicht aus einer politischen Familie kommt, nur: Ihre Großmutter habe ihr Leben lang als Verkäuferin gearbeitet und nun eine kümmerliche Rente; als sie vier Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern, plötzlich stand die Mutter allein mit drei Kindern da. Ihr Zugang zur Politik sind soziale Fragen, der Umstand, dass ihre Mutter deutlich weniger Rente als der Vater bekomme, weil sie weniger Zeit für Arbeit hatte. Nach dem schweren Unfall des Vaters lernte sie die Versorgung chronisch Kranker als entwürdigende Mühsal kennen. Maren Enke ist nicht über Fridays for Future zu den Grünen gekommen, es geht ihr um Begriffe wie Gerechtigkeit und Gemeinschaft. Sie sagt, dass sie Verantwortung übernehmen will.

Ausgangspunkt für die Fahrt ins Mansfelder Land ist die These des Münchner Soziologen Armin Nassehi, eines der Vordenker des grünen Kapitalismus: Im Gegensatz zu Sozialdemokraten und Konservativen, die von der Komplexitätsfolge der Moderne überfordert seien und sich an Glaubenssätze der Industriegesellschaft klammerten, könnten die Grünen politische Bündnisse eingehen, die sich aus ihrem Konservatismus bei ökologischen Fragen speisen; ihre Vorstellungen von Gleichberechtigung machten sie für linke Milieus interessant, liberale Wähler*innen sprächen sie mit Bürgerrechtsfragen an. Damit seien sie für die technische, geisteswissenschaftliche bis hin zur juristischen Intelligenz attraktiv. Viele Verbindungen zu sozialen Bewegungen funktionierten weiter.

Nassehi notierte 2019 im Kursbuch, dass ein „grünes Konzept“ der Pluralisierung von Lebensentwürfen entspreche, das Selbstbewusstsein urbaner Mittelschichten spiegele, „die Romantisierung des Natürlichen und die Moralisierung des Eigenen“ bediene. Also auch eine „gewisse Modernitätskritik“. Als ihn Ulrich Schulte für sein Buch Die grüne Macht fragt, antwortet Nassehi: „Die Grünen haben von allen politischen Kräften die kürzesten Wege in die verschiedenen Funktionssysteme der Gesellschaft.“

In dieser Gesellschaft ist ein gewisser Widerspruch nicht zu übersehen: Bis zu 27 Prozent der Befragten erklärten in Frühjahrs-Umfragen, Grün wählen zu wollen. Auch wenn kein Supermarkt ohne Bio-Ecke auskommt, kein Billigmoden-Hersteller ohne Eco-Kollektion – solche Sympathien schweben seltsam entrückt über unserer Lebenspraxis.

Zwar stagniert die Tendenz, doch statistisch isst jede*r Deutsche 57,33 Kilogramm Fleisch pro Jahr – Produktionsverluste und Tierfutter eingerechnet, verbrauchen wir 84,48 Kilogramm. In Bayern, dem Land mit dem höchsten Fleischkonsum, hat ökologisches Schweinefleisch einen Marktanteil von 0,6 Prozent. Vor allem Umfragen zeichnen ein schizophrenes Bild: Dem Bundeslandwirtschaftsministerium antwortete die Hälfte der Befragten, beim Fleischkauf „häufig“ auf Bio-Qualität zu achten. Bio-Fleisch macht bundesweit kaum zwei Prozent des Marktes aus.

Der Online-Händler Zalando hat im Frühjahr eine Studie über seine Kund*innen veröffentlicht, Titel: „Attitude-Behavior Gap Report“. Die deutsche Modewirtschaft ist die umsatzstärkste Europas, neun Prozent der Befragten gaben in einer Studie an, auf faire und ökologische Produktion zu achten. Das Umweltbundesamt findet bei streng zertifizierten Bio-Textilien einen Marktanteil von 0,85 Prozent.

Oder die Zustimmung für erneuerbare Energien: liegt bei 80 Prozent. Höhere Kosten dafür wollen 40 Prozent entrichten – rund 26 Prozent der Haushalte beziehen Ökostrom. Der Deutschen Lieblingsbeschäftigung, Reisen: Fast ein Viertel aller Befragten gibt an, eine CO₂-Kompensation für Flüge zahlen zu wollen, Buchungsportale und Fluglinien stellen fest, dass ein Prozent es tatsächlich tut. Das Kraftfahrzeugbundesamt notierte 2020 mit 32 Prozent, wie auch in Vorjahren, als stärkste Klasse der Neuzulassungen: SUV und Geländewagen.

Vielleicht zeigt eine Zahl besonders gut, wie verrutscht das Selbstbild ist: Unsere tägliche Menge Fleisch........

© der Freitag


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