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Poetik | Literatur macht Arbeit

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01.08.2020

Arbeit, sagt der Volksmund, ist das halbe Leben. Literatur, sagt der Literaturbetrieb, erzählt das ganze. Sollte beides stimmen, ließe sich das schnell zusammenrechnen: Bücher müssten mit einer Menge Arbeit gefüllt sein.

Sind sie aber nicht. So wird zumindest behauptet, seit Walter Jens 1960 in einer schmalen Antwort auf eine Umfrage wie beiläufig eine nachhallende These platzierte. Die Gegenwartsliteratur, schrieb Jens, „beschreibt das Individuum, das es sich leisten kann, Gefühle zu haben, den Menschen im Zustand eines ewigen Feiertags, den Privatier für alle Zeit.“ Arbeit sei kein Thema in der Literatur.

So absolut griff die These schon damals nicht. Sie hatte etwas von einem Klischee, einem Klischee mit Scheuklappen sogar, hinter denen etwa ein Teil der DDR-Literatur verschwand. Aber sie stimmte in ihrer Tendenz. Und sie passte in eine Zeit, in der im Osten (Bitterfelder Weg) und im Westen (Gruppe 61) Foren für eine Literatur der Arbeitswelt entstanden. Das Statement wurde derart oft zitiert, dass es zum Monument wuchs, an dem auch die Einleitung des Bands Arbeit am Text nicht vorbeikommt, in der sich die Herausgeberin Iuditha Balint folgender Frage annähert: Wo und was ist Arbeit in der (Gegenwarts-)Literatur? Bis heute gebe es eine Schieflage zwischen einer Unmenge von Werken, „deren Inhalte sich um das Thema Arbeit formieren“, und einem Unmut in Literaturwissenschaft und -kritik, dass Arbeit nicht thematisiert werde.........

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