Chaosforscher sagt: „Der Stromausfall in Berlin war noch überschaubar“

der freitag: Herr Dr. Wehr, darf man Tennisspielen, wenn der Strom ausfällt?

Marco Wehr: Wenn man Bürgermeister ist, sollte man sich voll und ganz um die Krisenbewältigung kümmern. Das erwarten die Bürger.

Im Berliner Südwesten waren ab dem 3. Januar 45.000 Haushalte und damit rund 100.000 Menschen von der Stromversorgung abgeschnitten, das Krisenmanagement schien nicht optimal. Sie sind kein Berliner, wie haben Sie das Stromchaos erlebt?

Wehr: Mich hat es nicht überrascht. Die gesamte Netzstruktur wird immer komplexer und dadurch auch anfälliger. Dabei ist es völlig egal, ob es sich, wie in Berlin, um einen terroristischen Anschlag handelt, um Naturereignisse oder systemimmanente Probleme. Mit der steigenden Komplexität der globalisierten, durch und durch vernetzten Welt steigen auch die Gefahren.

Können Sie Beispiele nennen?

Nehmen Sie die Weltwirtschaftskrise 2008. Die wurde nicht zuletzt dadurch so groß, dass die zugrunde gelegten mathematischen Modelle der Banken nicht richtig funktionierten. Durch Schneeballeffekte in den globalen Kommunikationsnetzen schaukelten sich dann bestimmte Effekte dramatisch auf, mit dem Resultat, dass wir dann eine weltweite Krise hatten. Dasselbe kann mit logistischer Infrastruktur passieren. Vielleicht erinnern Sie sich an die Sache mit der Ever Given?

… dem riesigen Containerschiff, das im Suezkanal feststeckte …

Es reichte eine Havarie an einer einzigen Stelle, um die weltweiten Lieferketten massiv zu stören.

Sind solche Ereignisse denn überhaupt vermeidbar?

Man sollte sich auf alle Fälle besser vorbereiten. Es ist klug, Redundanzen zu schaffen. Das........

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