Vom Magazin zum Algorithmus: Was ist aus der Popkritik geworden?
Als ich meine Laufbahn als professioneller Musikjournalist und Redakteur Anfang 2008 begann, erreichten unsere Redaktion des (2014 eingestellten) Musikmagazins De:Bug monatlich schubkarrenweise Schallplatten und CDs.
Musikkritik und Musikjournalismus befanden sich damals schon in einer massiven Krise. Immer mehr Blogs schrieben (kostenlos) über Musik. Filesharing und Netz-Communitys hinterfragten mit ihrer immer viraler werdenden Reichweite schon längst die Legitimation der im gekauften Magazin erschienenen Plattenkritik als Kaufempfehlung, um dem Plattenladen um die Ecke einen Besuch mit knisterndem Händedruck abzustatten. Letztlich ging es mitunter auch darum, eine Industrie am Laufen zu halten.
Bei der De:Bug, die sich hauptsächlich mit elektronischer Musik beschäftigte und gerne auch mal mit französischem Poststrukturalismus von Derrida und Deleuze um die Erklärbärecke kam, um den intellektuellen Anspruch dieser untergründigen Musiken zu untermauern, ging es aber auch um die Konsolidierung einer genreübergreifenden Szene, die sich bewusst gegen die Majorindustrie positionierte. Und die auch deshalb kleinteilig, manchmal diffus, im wahrsten Sinne rhizomatisch, aber auch dadurch besonders vital gewesen ist.
Die Präsenz und Sichtbarkeit in dem monatlich veröffentlichten Magazin war für viele kleine Labels existenziell. Mein damaliger Kollege Sascha Kösch (Bleed) war der unangefochtene Weltmeister der Plattenreview. Pro Monat schrieb er um die 300 Rezensionen. Dabei ging es ihm hauptsächlich um 12-Inch-EPs. Also Schallplatten, die vornehmlich für DJs gepresst wurden, damit diese an den Wochenenden in Clubs gespielt werden konnten. Oft nur mit zwei Tracks, also A- und B-Seite, manchmal verloren sich noch ein paar Remixe drauf.
Kleine House- und Technolabels pressten von jeder Veröffentlichung oft nur 300, manchmal 500 Exemplare, die dann von den Label-Macher:innen teils mit Fahrrad an Berliner Läden wie Hardwax, OYE, Rotation und die Redaktionen der Groove und De:Bug persönlich vorbeigebracht wurden. Vinyl-Shops in Heidelberg, Köln, Hamburg und Frankfurt wurden per Post beliefert.
Die Schallplatte war für die Clubkultur das zentrale Medium, wenn auch schon digitale DJ-Systeme wie Traktor und CDJ auf dem Markt waren, die heute, wie zu erwarten, den Weltmarkt dominieren. Seit 2015 gehört die Marke Pioneer, die die CDJs (die so heißen, weil sie anfangs noch mit CDs statt mit Vinyl gefüttert wurden, heute aber Dateien spielen) groß machte, übrigens dem Investmentkonzern KKR, dem wiederum die Mehrheit bei Axel Springer gehört und der einer der größten Investoren im Bereich fossiler Energien ist.
Ich erinnere mich an ein Telefonat mit einer Berliner DJ-Ikone, der zum einen todtraurig und zum anderen mit hochrotem Kopf – zumindest strahlte die brüllende Hitze bis durch den Hörer durch –, sich erzürnte, dass in der aktuellen Ausgabe die neue Platte seines Labels nicht besprochen wurde. Seit Jahren würde man doch zusammenhalten, sich gegenseitig unterstützen.
Aber die elektronische Musikwelt war schon immer auch eine besonders schnelllebige. In den 90er Jahren entstanden alle paar Monate neue Stile und Genres. Das Ende der Nullerjahre war, zumindest in der Redaktion, geprägt durch Dubstep-Sounds aus England. Burial, Scuba, Labels wie Hyperdub und Hotflush, selbst im Berghain gab es einen monatlichen Dubstep-Abend, der oft ziemlich großartig war.
Mich hinterließ das Telefonat, das ursprünglich gar nicht an mich adressiert war, zwiegespalten. Einerseits dachte ich an meine Aufgabe als Hype-Generator, heute würde man Influencer sagen, ständig neue Trends zu entdecken, aber auch durch journalistische Arbeit zu besetzen. Immer neu, immer weiter, immer nach vorne. Andererseits wurden die Abhängigkeitsverhältnisse deutlich.
In Labels steckte viel Arbeit und Geld. Die allerwenigsten machten Profite. Den meisten ging es um Überzeugung und Leidenschaft. Man war dort froh, wenn man finanziell........
