Offenbach | 84 Prozent der Kids in Offenbach haben Migrationshintergrund: Wie lebt es sich hier? |
„Die Stadtentwicklung sorgt für Wachstumsschmerzen“. Zijad Doličanin nippt an seinem Ingwertee, während draußen vor der Fensterfront Radfahrer Richtung Frankfurt unterwegs sind und die Sonne die Fassaden der Neubauten auf der anderen Mainseite kitzelt.
Wir sitzen in einem Café im Offenbacher Hafen – ein Ort, den Doličanin nicht ohne Grund für unser Gespräch ausgewählt hat. Das seit einigen Jahren prosperierende, rund 26 Hektar umfassende Hafenareal, früher ein Industriehafen, beschreibt der groß gewachsene Mann mit dem einnehmenden Lächeln und den interessierten Augen als „polarisierten Ort“, in dem sich für ihn beispielhaft die Gegensätze der Stadt Offenbach manifestieren: Hier, im Hafen, reihen sich die Neubauten aneinander, eine, laut Doličanin, „Insel mit einigen Besserverdienenden“, während das Nordend auf der anderen Seite des Nordrings von einer hohen Dichte sozial schlechtergestellter Menschen bewohnt wird.
Ebendort, im Nordend, ist der heute 40-Jährige selbst mit fünf Geschwistern in einer kleinen Wohnung aufgewachsen. Der Vater, ein Maurermeister, und die Mutter, eine Hausfrau, kamen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Doličanin hat, wenn man so will, das Offenbacher System durchlaufen: Er hat im Boxklub Nordend, in dem es neben dem Sport vor allem auch um Integration geht, geboxt und nach dem Abitur Sozialpädagogik studiert.
Heute arbeitet er in einer Wohnungsbaugesellschaft und sitzt für die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung. Letzteres will er nach zehn Jahren Anfang 2026 beenden, um sich noch stärker seinem Verein VAIR e.V. zu widmen, der sich für gesellschaftliche Teilhabe und Völkerverständigung einsetzt.
Doličanins Engagement hat viel, das wird im Gespräch deutlich, mit der Verbundenheit mit seiner „Heimat“ zu tun. Er trägt einen Pullover, auf dem sich der Vibe der Mainmetropole versinnbildlicht: „Offenbach“ steht darauf in einer Mischung aus deutscher und arabischer Typografie. Er sagt, dass er mit seinem Verein den Finger in die Wunde problematischer Stadtentwicklungen lege: „Ey, Leute, was macht ihr da?!“ Zugleich brauche es mehr positive Erzählungen über die vielseitige, offene und gastfreundliche Stadt. Er selbst habe sich schon während seiner Schulzeit in dem „bunten Haufen“ sehr wohl gefühlt.
Doch das Klischee von Offenbach hängt nach wie vor in den Köpfen: Offenbach, ist das nicht die Stadt mit dem höchsten Migrationsanteil in Deutschland, von Dealern und Gangstern regiert? Die unglaublich erfolgreiche Netflix-Doku Babo. Die Haftbefehl-Story über Offenbachs berühmtesten Sohn Aykut Anhan hat........