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Streaming | Glotz nicht so

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23.05.2020

Die meisten Tage waren gut, nicht wie in den Hurenhäusern in Büchern und Theaterstücken und später im Kino. Da war nirgendwo ein wirkliches Freudenhaus zu sehen, immer nur die Vorstellung, die sich Männer davon machten – wie sich eben ein gewöhnlicher Freier Menschen vorstellt, von denen er keine Ahnung hat.“

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Ob Nell Kimball mit dieser Aussage recht hat? Ihr angeblich autobiografisches Werk Memoiren aus dem Bordell, das um 1900 spielt und ihr Leben als „Madame“, Chefin eines Bordells in New Orleans beschreibt, kam 1970 in den USA heraus, 29 Jahre später brachte Eichborn eine deutsche Übersetzung auf den Markt. Schon kurz nach der ersten Veröffentlichung wurden Zweifel an der Authentizität geäußert: Ganze Passagen seien aus anderen Büchern über das „Jazz Age“ kopiert worden. Der Schriftsteller Stephen Longstreet, der das Material redigiert hatte, pochte jedoch darauf, den Text bereits seit Jahren in seinem Besitz zu haben.

Wer von wem inspiriert wurde oder kopiert hat, vermischte sich auch weiterhin – acht Jahre nach der Erstveröffentlichung, im April 1978, kam der Film Pretty Baby in die US-amerikanischen Kinos. Regisseur Louis Malle erzählt darin von einer zwölfjährigen Prostituierten, gespielt von der damals zwölfjährigen Brooke Shields, die bei ihrer Mutter, einer Bordellbesitzerin in New Orleans lebt und sich, nachdem ihre Jungfräulichkeit meistbietend versteigert wird, in einen Fotografen verliebt. Das Drehbuch, geschrieben von Polly Platt, bedient sich vorgeblich der Lebensgeschichte eines Fotografen der Zeit – tatsächlich finden sich im Film aber wortwörtliche Zitate und Situationen aus Nell Kimballs (oder Stephen Longstreets) Buch.

Es gehört eben einiges dazu, das Leben von Sexarbeiter*innen realitätsnah zu beschreiben – dabei ist genau das in der Fiktion ein beliebtes Sujet. Denn die fiktionale „Welt“ der käuflichen Körperlichkeit vermischt die Chance auf tabuisierte sexuelle Erregung mit jeder vorstellbaren Art von Drama oder Komödie. Hier kann man Sex und nackte, oft normativ hübsche junge (Frauen)Körper anschauen – und gleichzeitig offiziell „Kultur“ erleben.

Respektive Unterhaltung: Einer der erfolgreichsten Sexwork-Kinofilme war Pretty Woman, den Garry Marshall 1990 nach einem Drehbuch von J. F. Lawton inszenierte. Allerdings mit Änderungen: Lawton, der eine Weile in einem von Prostituierten, Zuhältern und Kunden........

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