Erinnerungen | Die ganze Skala der Gefühle: Helga Schuberts „Luft zum Leben“ über den DDR-Alltag

Es ist, als säßen wir einander gegenüber – mit Blick auf ihren Garten in der Sonne. „Ich bin schon so alt: 85, kann froh sein, morgens überhaupt wieder aufzuwachen.“ Was soll man darauf sagen? Dass bis 98 noch Zeit ist? So entspannt, wie sie von sich erzählt, gibt Helga Schubert ihre Ermutigungen weiter: Man selbst sein, nach eigenen Maßstäben leben, sich nicht zum Opfer machen lassen. Luft zum Leben: ein schöner, ein passender Titel. 38 Texte aus 65 Jahren enthält der Band. Panorama eines Lebens, das 1940 in Berlin-Kreuzberg begann.

Der Vater ist 1941 gefallen. Als „eigentlich ungewolltes Kind“ hat sie den Krieg noch erlebt – mit einer traurigen, überforderten Mutter, die ihr wohl zu wenig Liebe gab. Im Osten der Stadt lebte sie, doch Berlin war ihr ein Ganzes. Die Mauer eine unerträgliche Spaltung. Prägungen. Sie werden nicht erläutert, auch wenn die Autorin um sie weiß. Schließlich ist sie Psychologin von Beruf, geübt im Erkennen von Kindheitsmustern, die der Verarbeitung bedürfen. Als ob sie es schreibend darauf angelegt hätte, dass sich ein Dialog entspinnt, bringt man unwillkürlich Eigenes ein. Vergleicht, widerspricht und versteht.

Dass die 285 Seiten zu Nachtgefährten werden, es mag nicht für jeden so sein. Auch wenn Helga Schubert sich mit der Ost-West-Trennung nicht abfinden wollte, gibt es doch einen ostdeutschen Hintergrund. Gesprächstherapie mit Seitenwechsel: Die Autorin erzählt, die Leserin lernt etwas über sich selbst – und sei es in der Erkenntnis, eigene Erfahrung nicht zu........

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