Osten | Deutsche Russlandbilder: Der Westen hat die Meinung, der Osten die Erfahrung
Niemand würde etwa dem Saarland seine besondere Nähe zu Frankreich streitig machen. Niemand argwöhnt darin etwas politisch Destabilisierendes. Diese Nähe, historisch und geografisch, samt der Erfahrungen der hier lebenden Menschen mit beiden Staaten erweiterte durchaus den Horizont der Deutschen, machte sie europäischer. Eine kulturelle Bereicherung.
Anders ergeht es den Ostdeutschen, die seit Langem ein besonderes Verhältnis zu Osteuropa, besonders zu Russland haben. Kein Wunder: Insgesamt fünfundvierzig Jahre war der Osten (erst die Sowjetische Besatzungszone, dann die DDR) so etwas wie der westliche Vorposten des sowjetischen Imperiums. Das sollte keine Spuren hinterlassen haben, im Positiven wie im Negativen? Vor allem ist da ein immenser Vorsprung an Erfahrung im realen Leben mit Osteuropa, etwas, wovon die durch Adenauers strikte Westbindungspolitik geprägte Bundesrepublik unberührt blieb.
Erst mit Willy Brandts neuer Ostpolitik öffnete sich etwa ab 1970 der Eiserne Vorhang vom Westen aus gen Osten ein wenig. Aber echte Neugier war da kaum. Nur wenige prominente Westintellektuelle schrieben aus einer Innenperspektive russisch-deutscher Geschichte. So etwa Alexander Kluge mit seinem Buch Russland-Kontainer von 2020, das auf seine Kindheitserfahrungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht in Halberstadt zurückgreift (der Freitag 23/2020). Er entschließt sich, dem Leser keine geschlossene Abhandlung zum Thema, sondern eine Materialsammlung mitsamt eigener Fundstücke zu übergeben. Ein erfahrungsreicher, aber ideologiefreier Ansatz, dem man folgen könnte.
Warum also nicht auf die Ostdeutschen hören, wenn es um Polen, die Ukraine und Russland geht, denn hierin sind die Ostdeutschen zweifellos mehr Experten als die Westdeutschen? Wo wir doch sonst ein Land sind, das........
