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Bundestagswahl | „Am Ende zählt der Machtwille“

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08.09.2021

Armin Laschet und Olaf Scholz wurden von Margarete Stokowski neulich dem Typus des „uncharismatischen, unkörperlichen, mit seiner Gestrigkeit kokettierenden Schmunzlers“ zugerechnet. Für die feministische Kolumnistin zeigt sich darin die letzte Zuckung des Patriarchats. Nun muss man allerdings sagen, dass auch Annalena Baerbock nicht als Ausbund an Charisma wahrgenommen wird. Vielleicht gibt es also noch andere Gründe für die Blässe.

Foto: Jürgen Heinrich/Imago

Nora Bossong, geboren 1982, ist Schriftstellerin und Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Zuletzt erschienen von ihr der Roman Schutzzone und der Essayband Auch morgen. Politische Texte im Suhrkamp-Verlag. Aktuell arbeitet sie an einem Buch über die jüngere Politikergeneration

der Freitag: Frau Bossong, Herr Willet, die Kandidaten von CDU, SPD und Grünen sind alles andere als unumstritten. Woran liegt es?

Nora Bossong: Bei Olaf Scholz ist es die Ausrichtung der SPD. Die Esken-Borjans-Kühnert-SPD verkörpert nicht ganz Olaf Scholz und umgekehrt. Bei Armin Laschet ist es fehlende Angriffslust, und innerhalb des konservativen Lagers steht er weiter links als etwa Friedrich Merz; eine deutliche Neuausrichtung nach den Merkeljahren sieht anders aus. Bei Annalena Baerbock gab es zunächst Begeisterung. Dann stolperte sie über das Hölzchen, dann über das Stöckchen und am Ende über Baumstämme – ein selbst gemachtes Desaster. Alle drei sind nicht die charismatischsten Kandidaten aller Zeiten, aber ihre Probleme sind unterschiedlich gelagert.

Florian Willet: Wenn Sie einen Energydrink verkaufen wollen, überlegen Sie sich: „Wo stelle ich meine Werbeplakate hin?“ Vor einem Altersheim begeistern Sie keine Kunden. Das müssen Sie woanders machen. Sie müssen immer schauen, wo Ihre Zielgruppe ist. Es bringt nichts, Shitstorms von Leuten zu vermeiden, die einen sowieso nicht wählen. Das ist ein strategischer Fehler, den heutzutage viele Politiker machen. Sie haben Angst vorm Shitstorm, statt sich zu überlegen: „Wie erreiche ich die Leute, die mein tatsächliches Potenzial darstellen?“ Unsere Zeiten bringen übervorsichtige, uncharismatische Politiker hervor.

Foto: presse

Florian Willet, geboren 1977, ist Verhaltensökonom und Spieltheoretiker, Rechtsphilosoph, Kommunikationspsychologe, Sprecher der Menschenrechtsorganisation DIGNITAS-Deutschland und Autor des Buchs Wie uns die Parteien über den Tisch ziehen (Solibro Verlag 2021)

Liegt diese Übervorsicht an der typischen Parteikarriere, die alle drei hingelegt haben? Macht sie das zu Konformisten?

Willet: Viele Politiker haben schon in der Jugendorganisation für die Partei gearbeitet. Belastbare Beziehungen zu anderen Leuten als zu Politikern haben sie normalerweise keine. Sollten sie aus dem politischen Geschäft rausfliegen, haben sie kein Netzwerk mehr und kaum jemanden, der ihnen einen attraktiven Job besorgt. Deshalb sind sie in steter Furcht, aus den Versorgungsstrukturen rauszufallen, in die sie hineingewachsen sind. Wer einmal politisch verbrannt ist, kommt schwer wieder ins Spiel, und Alternativen hat er kaum.

Bossong: Olaf Scholz wäre nicht perspektivlos, wenn er nicht Kanzler wird. Nicht nur, weil er auch Rechtsanwalt ist. Da mache ich mir um andere mehr Sorgen. Denken wir ans Scheitern der FDP an der Fünf-Prozent-Hürde 2013. Da ist die ganze Fraktion rausgeflogen, und damit auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das sind Leute, die weniger in der Öffentlichkeit stehen und dadurch schlechter vernetzt sind. Auch haben wir sehr wohl charismatische Politiker: Robert Habeck und Christian Lindner. Sie haben den Mut oder die Chuzpe, selbstbewusst in der Öffentlichkeit zu stehen, zu provozieren und Wählerpotenzial über die eigene Partei hinaus zu akquirieren.

Beide haben eine Biografie, die eher untypisch ist. Christian Lindner hat in jungen Jahren ein Unternehmen gegründet …

Bossong: Christian Lindner ist früh Berufspolitiker geworden. Er saß im Alter von 21 im Landtag von Nordrhein-Westfalen und war 30, als er Generalsekretär wurde. Dass ein FDP-Politiker nebenbei noch Start-ups gründet oder als Rechtsanwalt Karriere macht, ist nicht FDP-untypisch. Robert Habeck........

© der Freitag


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