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Interview | „Das wollte ich für dich“

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30.08.2021

Woher kommen Vorstellungen von Männlichkeit? Wer und was hat uns geprägt? Solche Fragen sind für Fikri Anıl Altıntaş, der als Autor über Geschlechterrollen und postmigrantische Themen schreibt, Routine. Aber ein öffentliches Interview mit dem eigenen Vater ist ungewohnt. „Über Männlichkeit rede ich eigentlich nie, außer mit dir“, sagt Mustafa Altıntaş, als er für das Gespräch auf dem Wohnzimmersofa Platz genommen hat. Und dann legt er los, noch bevor sein Sohn die erste Frage gestellt hat.

Mustafa Altıntaş: In der Türkei gab es 1980 einen Militärputsch. Ich bin kurz davor, also 1979, nach Deutschland gekommen. Ich hatte Angst, in Schwierigkeiten zu geraten, weil ich politisch aktiv war. Deshalb hätte ich Anfang der 1980er Jahre nicht einfach zurückgehen können. Mein Pass wurde annulliert. In dieser Zeit ist auch privat viel passiert. Ich hatte mich von meiner Frau getrennt und neu geheiratet. Damit klarzukommen war nicht einfach. Genauso, wie zu wissen: Deine Zukunft hängt von einer bürokratischen Entscheidung ab. Ohne die GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) hätte ich keinen gesicherten Status erhalten. Ohne sie hätte ich nicht hierbleiben können. Wie viele andere Lehrer*innen, die zu dieser Zeit aus der Türkei nach Deutschland kamen.

Fikri Anıl Altıntaş: Politisch aktiv zu sein, in einem anderen Land neu anzufangen – dazu gehört Mut. Hattest du den eigentlich schon immer?

Wir kamen aus einer armen Familie vom Dorf. Mein Vater sagte immer, um nicht auf dem Dorf bleiben zu müssen, sollten wir unseren Abschluss machen, vielleicht studieren. Ich war ein sehr ängstliches Kind. Meine Mutter erzählte mir religiöse Geschichten, die mir Angst machten. Das übertrug sich auf meinen Charakter. Wenn ich im Dunkeln irgendwas sich bewegen sah, lief ich weg. Ich erinnere mich an eine Sache, die mein Vater mir erzählte: Im Alter von zehn Jahren kam ich öfter weinend nach Hause, weil die Nachbarskinder mich verprügelt hatten. Er sagte: „Es reicht! Warum kommen nicht die Eltern der Kinder mal zu uns, um sich zu beschweren, weil du sie verprügelt hast?“

Ich sehe da viel von mir. Ich habe mich auch nie geschlagen, auch aus Angst vor den Konsequenzen. Aber viele meiner Freunde waren harte Typen, spielten Fußball und erfüllten viele Klischees von einem Jungen, der alles, aber nicht weich sein sollte. Hast du versucht, Männlichkeit so leben wie dein Vater?

Er konnte alles, war körperlich sehr stark. Er arbeitete viel auf dem Feld, war handwerklich begabt. Wenn es im Dorf Probleme gab, wurde er gerufen. Mein Vater war ein respektierter Mann, der sich gut ausdrücken konnte und........

© der Freitag


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