Report | Hitler-Grüße und Holocaustwitze auf dem Schulhof: Wenn die coolen Kids rechtsextrem sind |
Draußen regnet es, als die Bürgermeisterin von Spremberg in ihrem Büro empfängt, mit Blick auf den leeren Marktplatz. Zwei Monate sind vergangen, seit Christine Herntier mit einem Brandbrief an die Öffentlichkeit ging und damit die kleine Stadt in der Lausitz in den bundesweiten Fokus rückte. Es ging um rechte Jugendliche und Rechtsextreme, die junge Menschen ködern – manchmal direkt auf dem Marktplatz, wenn sich junge Männer mit Seitenscheiteln und Bomberjacken abends zum Abhängen treffen.
„Es gab keinen einzelnen besonders schlimmen Vorfall“, erzählt Herntier, „aber es hatte eine Grenze erreicht, als ich gelesen habe, dass der III. Weg stolz darauf ist, Kinder und Jugendliche zu bekehren.“ Tatsächlich ist die Neonazi-Kleinpartei verstärkt in Spremberg und der Lausitz unterwegs, ihre Kader kleben Sticker oder verteilen Flyer an Schulen: „Schulhof-Offensive“ nennen sie das. Weil es auch am Erwin-Strittmatter-Gymnasium in Spremberg Probleme mit rechten Jugendlichen gibt, hat sich bereits 2018 eine Arbeitsgemeinschaft gegründet. Anfangs nannte sie sich „Mut“ und traf sich aus Angst vor Anfeindungen heimlich in der Schulbibliothek. Inzwischen trifft sie sich als AG „Vielfalt und Toleranz“ ganz offiziell in einem Klassenzimmer. Angefeindet werden die Teilnehmenden trotzdem.
Es ist ein Mittag, als die AG für ein Interview zusammenkommt. Es sind mehr Mädchen als Jungs, die meisten 15 oder 16 Jahre alt. Ihre Antworten geben sie gerne zusammen oder durcheinander, sie haben alle viel zu sagen. „Manchmal quatschen wir hier auch einfach nur“, sagt eine von ihnen. Sie trägt lange blonde Haare, eine runde Metallbrille, große Creolen, schwarze Klamotten. „Für uns ist die AG auch ein Safe-Space, um positive wie negative Erfahrungen auszutauschen.“
Sind bei euch rechtsextreme Vorfälle Alltag an der Schule?
In Klassenchats werden oft „Späßchen“ über den Holocaust gemacht, dann gehen so Sticker rum mit dem Gesicht von Hitler, dazu der Spruch „Du bist lustig, dich vergas‘ ich zuletzt“. Viele tragen Shirts von der Marke „Lonsdale“ unter ihren Jacken und legen dann nur die Buchstaben „nsda“ frei. Es ist auf jeden Fall cool an unserer Schule, rechts zu sein. Es gibt Schülerinnen in unserer Stufe, die sagen, sie möchten unbedingt einen Rechten.
Und ihr seid dann die Uncoolen.
Wir sind auf jeden Fall nicht beliebt in der Schule. Wenn man bei uns in der AG mitmacht, muss man damit rechnen, beleidigt zu werden. Um den Busbahnhof, wo viele rechte Jugendliche abhängen, machen wir einen großen Bogen.
Wie wirken die rechten Jugendlichen auf euch?
Sie suchen nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Sitzen am Dönerladen, essen Baklava und zeigen den Hitlergruß. Manche haben selbst einen Migrationshintergrund. Es reicht schon, einen strengen Seitenscheitel zu tragen oder einen schlechten rechten Witz zu reißen, und dann gehört man dazu.
Die Eltern sind ja selber rechts
Wie wird das Problem in euren Augen angegangen?
Wir haben die Stadtverordnetenversammlung verfolgt, wo auch über rechte Jugendliche und den III. Weg gesprochen wurde. Es wurde gesagt, dass man unbedingt die Eltern kontaktieren müsste. Aber was bringt das? Die Eltern sind ja selber rechts. Sie sind der Grund, warum die Kinder auch so sind. Uns regt es auf, dass kein richtiges Interesse da ist, das Problem zu bekämpfen. Die Jugendlichen können noch so rechts sein, aber sie sollen keine Nazi-Sticker mehr in der Stadt kleben – so nehmen wir das wahr.
Wie geht ihr als AG das Problem an?
Wir versuchen, Themen anzusprechen, die zu kurz im Unterricht kommen. Bei uns in der Klasse ist der Nationalsozialismus komplett weggefallen. Wir haben lediglich eine Doku darüber angeschaut, während ein Teil der Klasse sich gegenseitig die Haare geflochten hat. Daher haben wir auch bei der Verlegung von Stolpersteinen mitgemacht und ein Projekt über Anne Frank in der Schule unterstützt. Sowas wird aber viel seltener in Medien erwähnt als Jugendliche, die Hitlergrüße zeigen.
Es wird also zu wenig über Positives berichtet?
Ja! Wir als Gesellschaft müssen viel mehr formulieren, wofür wir stehen, als nur gegen etwas zu sein.
Unweit des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums befindet sich ein Skatepark voller Graffiti. Ein anarchistisches „A“ ist durchgestrichen. Und da, wo mal ein Hakenkreuz hin gesprüht wurde, ist jetzt ein rotes Herz, erzählt Benny Stobinski. Er könnte selbst als Skater durchgehen, trägt Sweater, Jeans und Sneaker. Doch Stobinski ist Anfang 40 und Sozialarbeiter, er verbringt regelmäßig Zeit mit Jugendlichen am Skatepark, und das nicht nur aus einer politischen Richtung. „Links hängen die rechten Jugendlichen ab und rechts die Linken, also genau verkehrt herum“, sagt Stobinski mit Blick auf den Park. Vor 23 Jahren hat er angefangen, als Sozialarbeiter zu arbeiten. Auf die heutige Jugend pflegt er einen schonungslosen Blick.
Wie kommt es, dass immer mehr junge Menschen Antidemokraten in die Hände fallen?
Vielen Jugendlichen fehlt der Meinungsdiskurs. Sie gucken am Abend ihre Netflix-Serie oder Youtube-Shorts, da kriegen sie das Kompaktprogramm – und je nachdem, wo sie sich bewegen, bekommen sie immer nur einen Ausschnitt. Wenn der Nachbar irgendeine Grafik von Nius teilt, dann wird das halt geliked und dann ploppen solche Positionen immer wieder auf Social Media auf. Viele Jugendliche sind in ihrer Bubble gefangen.
Und tragen ihre rechte Gesinnung raus ins echte Leben.
Am Skatepark erlebe ich öfter mal, dass sich die Jungs mit „Heil Hitler“ begrüßen, auch welche mit Migrationshintergrund. Dann sage ich: Was habt ihr denn Falsches gegessen? Wird mal Zeit, dass ihr wieder zu Verstand kommt, gerade ihr mit Migrationshintergrund wärt die ersten, die hier weg wären. Oft sind es die schmächtigen Typen mit Zahnspange, die denken, sich mit radikalen Aussagen beweisen zu müssen. Das ist ja das Groteske: Die Schwachen, die Ausgegrenzten werden oft zum radikalsten Nazi.
Diesen latenten Rassismus, diesen Hass, diesen Neid findet man inzwischen in der Mitte der Gesellschaft
Können Orte wie der Skatepark helfen?
Hier gibt es eben auch Jugendliche mit Migrationshintergrund und Leute, die linke Positionen vertreten. Aufgrund dieser Gruppendynamik sollen sie merken, dass die anderen gar nicht so schlimm sind. Sobald sie den Skatepark verlassen, haben sie wieder ihre gewohnte Rolle: In der Schule bin ich bei den Rechten, die gegen Ausländer sind, aber nachmittags fahre ich mit Mohammed und Hassan Skateboard oder nuckele an deren Vape.
Leben die Jugendlichen nur nach, was ihnen Erwachsene vorleben?
Früher hat man dem Rechten gesagt, sag das nicht zu laut, das bringt dir nur Nachteile. Jetzt ist es ja eher so, dass man dem Linken sagt, du hast völlig recht, aber geh‘ vorsichtig damit um, um dich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Man findet nicht überall diese hardcore rechten Positionen, aber diesen latenten Rassismus, diesen Hass, diesen Neid findet man inzwischen in der Mitte der Gesellschaft.
Was brauchen junge Menschen, damit sie nicht diese Haltung übernehmen?
Wir brauchen ein Land, das wieder stolz auf seine Jugend ist. Wir reden immer nur über Jugend, wenn es ein Problem gibt oder sich alte Männer wieder Verbote ausdenken. Eine positive Berichterstattung über Jugendliche gibt nur einmal im Jahr, wenn berichtet wird, wie viele ein 1,0-Abi haben, aber was bei „Jugend forscht“ entdeckt wurde, schafft es nicht in die Leitmedien. Es gibt halt keine Motivation für Jugendliche. Sie sind da und das war‘s.
Bei den Rechten geht es viel um behauptetes Gemeinschaftsgefühl. Der „III. Weg“ bietet kostenlose Freizeitangebote für Jugendliche an. Versagt da der Staat?
Es wird an der falschen Stelle gespart. Durch Ferienfahrten lernen Kinder, füreinander Verantwortung zu übernehmen, sie lernen einen Wertekanon, den unsere Gesellschaft einfach bräuchte: Weniger Ich, mehr Gemeinschaft. Wenn es keinen Jugendclub mehr gibt, weil der Staat den Sozialarbeitern keinen Nachtzuschlag zahlen will, kommt eben die braune Fraktion abends auf den Dorfanger mit zwei Kästen Bier und sammelt die Jugend ein.
Viele fühlen sich an die Baseballschlägerjahre erinnert.
Ich warne immer davor, das so laut zu sagen, nicht dass es den einen oder anderen noch motiviert, sich einen Baseballschläger zu bestellen, aber ja, es ist so. Gegen alles zu sein, was links ist, und im Zweifelsfall mit Gewalt gegen Andersdenkende, gegen Geflüchtete, gegen Menschen mit anderer sexueller Identität zu sein, das ist wieder da – in all seiner Ekeligkeit und Brutalität. Nur ist es noch schlimmer geworden als in den Neunzigern.
Schlimmer als zu einer Zeit, als etliche Asylheime brannten?
In den Neunzigern ging es ausschließlich um Asylbewerber. Heute wettern die Rechten gegen gefühlt alles: Sie sind gegen Regenbogenfahnen, gegen erneuerbare Energien, gegen Bundestagsabgeordnete, die andere Meinungen vertreten. Sie wettern gegen alles, was grün oder links ist, es geht gegen die da oben, also ja, eigentlich ist es schlimmer. Und die, die so denken, sind längst nicht nur Neonazis mit Bomberjacke. Diejenigen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen, sind zwar nicht gewaltbereit, aber sie decken die Gewaltbereiten, weil sie deren Meinung teilen. Sie sind sozusagen die stützende Mauer dahinter.
Wenige Wochen, nachdem die Bürgermeisterin Herntier ihren Brandbrief veröffentlicht hatte, meldete die Neonazi-Partei „III. Weg“ eine Demonstration in Spremberg an. Trotz Ferienzeit trommelte das Bündnis „Unteilbar Spremberg“ knapp hundert Leute für eine Gegendemo zusammen. Und so standen sich an jenem Tag im August etwa 50 junge männliche Rechte und doppelt so viele Menschen mit bunten Plakaten unweit des Spremberger Busbahnhofes gegenüber. Selbst gebastelte Plakate mit „Vielfalt statt Einfalt“ oder „Herz statt Hetze“ versus bedruckte Transparente mit „Überfremdung stoppen. Schützt unsere Heimat“ oder „Nationalrevolutionäre Jugend“, die Jugendorganisation des III. Wegs.
Angemeldet wurde die Gegendemo von Bianca Broda. Sie ist in Spremberg geboren und aufgewachsen, ging zum Studieren nach München und kam erst 2018 wieder zurück. „Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um in Spremberg wieder anzukommen“, erzählt sie. „Es gibt hier sehr viele Unzufriedenheiten. Bei Umbrüchen ist es so, dass Menschen nicht gut mitgenommen werden.“ Broda leitet ehrenamtlich das Bündnis, hauptberuflich ist sie Sozialpädagogin. In einem Café am Marktplatz erzählt sie: „Wenn wir........© der Freitag