Kino | Ein Ginkgo als Held: Der Film „Silent Friend“ fragt, wie Pflanzen den Menschen wahrnehmen

Die erste Begegnung mit dem Baum ist alles andere als charmant: Tony Wong (Tony Leung Chiu-wai), Professor für Neurologie aus Hongkong, ist zum Forschungsaufenthalt nach Marburg gekommen und wurde von seinen Universitätskollegen zu Bier und Schweinshaxe ausgeführt. Von Übelkeit geplagt, lehnt er sich später im Botanischen Garten der Universität an den mächtigen Stamm eines Ginkgo-Baums – und übergibt sich. Die Kamera zeigt im Querschnitt, wie das Erbrochene in den Grund und bis in die Wurzelspitzen dieses Baums sickert – und wie der Baum das und vermutlich auch die Erschöpfung von Tony erspürt.

Fast 200 Jahre alt ist der Ginkgo-Baum in Silent Friend, in dem die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi in drei zu unterschiedlichen Epochen spielenden Episoden von menschlicher Vereinzelung und Erkenntnissen zu artübergreifender Verbindung und Interaktion erzählt. Was zunächst abstrakt und dröge klingen mag, verwandelt Enyedi in eine sich leise und kraftvoll ausdehnende Narration mit geschmeidigen Übergängen. Auf ähnlich fesselnde Weise hatte sie schon 2017 in ihrem mit dem Goldenen Berlinale-Bären ausgezeichneten Körper und Seele von zwei in ihrer Einsamkeit verkapselten Menschen erzählt, die durch geteilte, wiederkehrende Träume........

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