Tunesien 2011: Der Freitod eines verzweifelten Obsthändlers führt zum Aufstand |
„Die Hügel da drüben – das ist alles Marmor“, sagt ein befreundeter Reporter des tunesischen Fernsehens, mit dem ich im Frühjahr 2011 nach Thala in die am höchsten gelegene und kälteste Stadt des Landes unweit der Grenze mit Algerien fahre. „Thala ist wegen seines Marmors berühmt. Die Trabelsis, die Brüder von Leila, der Frau des früheren Präsidenten Ben Ali, haben diesen enormen Reichtum an sich gerissen.“
Thala liegt in den „régions defavorisées“, wie die Gegend zwischen Gafsa, Kasserine und Siliana genannt wird, weil sie das Armenhaus Tunesiens ist. Hier leben vorrangig Ferschisch, Mesher, Hamame und Meme, Volksgruppen der Berber, die als besonders verwegen und kämpferisch gelten. Es heißt, sie seien wie Cousins – wenn einer angegriffen werde, habe der andere die Pflicht, mit ihm solidarisch zu sein.
In Thala angekommen, zeigt mir der Fernsehreporter zwei ausgebrannte Gebäude. Das eine hat die bisherige Staatspartei Rassemblement Constitutionnel Démocratique (RCD) des Ex-Staatschefs Ben Ali beherbergt. Mitte Januar ist der ins Ausland geflohen, weil er sich wegen eines landesweiten Wutsturms seines Amtes und Lebens nicht mehr sicher sein konnte. Das zweite in Mitleidenschaft gezogene Gemäuer gehörte einmal der Polizei.
Im Dezember 2010, nach ersten Massenprotesten gegen Jugendarbeitslosigkeit und Polizeiwillkür in Sidi Bouzid, war es dem Regime noch gelungen, die Gegend zu beruhigen. Aber nachdem der Obsthändler Mohamed Bouazizi, der sich aus sozialer Verzweiflung selbst angezündet hat, am 4. Januar seinen Brandverletzungen erliegt, brechen in Thala, Kasserine und anderen Orten alle Dämme. Erst sind es Zehntausende, die aufbegehren, bald Hunderttausende. Die Polizei schießt scharf.
Sahbi Saihi, Krankenpfleger im Hospital von Thala, kommentiert verwackelte Videos, die er im Januar aufgenommen hat. „Da liegt das erste Opfer auf der Straße, das von der Polizei zusammengeschlagen wurde. Auf ihn sind Scheinwerfer gerichtet. Und keiner darf helfen. Die Polizei wollte, dass alle sehen, wie ein Mensch verblutet.“ Das Regime habe gewusst, wenn es diese Region zum Schweigen bringt, dann würde es in ganz Tunesien wieder ruhig sein.
Deshalb habe Ben Ali den........