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Interview | „Das Kreuz selbst tragen“

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25.09.2021

Wie viele der Wahlberechtigten am Sonntag zur Bundestagswahl gehen werden, wissen wir nicht – 2017 betrug die Wahlbeteiligung 76,2 Prozent. Franz Schultheis hat danach mit über 80 Langzeitarbeitslosen über ihre Entscheidung gesprochen, nicht dazuzugehören.

der Freitag: Herr Schultheis, warum spielt Erwerbsarbeit eine Rolle bei Wahlen?

Franz Schultheis: Teilhabe am Erwerbsleben ist überhaupt Teilhabe am gesellschaftlichen Leben: an Kollegenschaft, an Anerkennung, an Einkommen, somit auch an Konsum und einer „normalen“ Lebensführung des Durchschnittsbürgers. Über die Ausgrenzung aus der Erwerbsgesellschaft werden Biografien ganz schön an den Rand gedrängt. Man lebt mit einem ganz minimalen Einkommen, dem sogenannten Hartz IV, man kommt mehr schlecht als recht über die Runden. Schließlich zieht man sich immer weiter in einen engen privaten Kreis zurück.

Die Armut sorgt für den Rückzug aus dem politischen Leben?

Bei der Gruppe der Langzeitarbeitslosen kann man wirklich schon von Verarmten sprechen, womit eine gewisse Form der Verschämung einhergeht – nicht mehr mitmachen zu können, nicht mehr mit Freunden in die Wirtschaft, ins Café oder ins Kino gehen zu können. Das führt zur Isolation, aus der entwickeln sich dann eine große Frustration und das Gefühl, abgehängt zu sein und ausgegrenzt zu werden. Der Satz, in dem sich das bei den von uns Befragten resümiert, ist: „Was soll ich da dann überhaupt noch zur Wahl gehen, wenn mich sowieso keiner sieht, keiner hört und keiner auf mich achtet?“

Wie nehmen langzeitarbeitslose Nichtwähler:innen Demokratie in Deutschland wahr?

Die Äußerungen in unseren Interviews waren sehr radikal. Da hieß es: Man kann den Politikern nicht trauen, sie erzählen vor den........

© der Freitag


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