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Abstimmen | Mein erstes Mal

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26.09.2021

Noch 40 Prozent der WählerInnen sind bis jetzt unentschlossen, heißt es, wie viel Prozent dazu noch absolut lustlos sind, ist unklar. Ich bin jedenfalls zu 100 Prozent festlich gestimmt, als ich meiner kleinen Tochter den roten Umschlag reiche und sie wie einen Pokal zum Briefkasten hebe. Sie wirft ihn ein, und wir beide grinsen uns an. Zur Feier meiner ersten Bundestagswahl gibt es Vanilleeis.

Es gibt etwa 7,6 Millionen Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund. Ich bin jetzt einer von ihnen. Doch viele werden gar nicht wählen. Bei der letzten Bundestagswahl lag ihre Wahlbeteiligung circa 20 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt. Das hängt auch mit ihrer Unterrepräsentation zusammen. In den Wahlprogrammen und -kämpfen der Parteien spiegeln sich die Bedürfnisse einer modernen Einwanderungsgesellschaft abermals nur mangelhaft wider. Meine Geschichte ist trotzdem die einer erfolgreichen Repräsentationssuche. Ich werde sie anhand von Landes- und Bundeskabinetten nachzeichnen.

Ich war 13, als ich vor 21 Jahren aus Rumänien ins bayerische Aschaffenburg kam. Nach acht Jahren hätte ich meine Einbürgerung beanspruchen können, doch damals war mir das wohl nicht so wichtig. Ich erhielt die Einbürgerungsurkunde erst 2018. Ich brachte eine Mentalität mit, die mir sagte: Du wirst hier auch dann Gast sein, wenn du nicht mehr in deine Heimat zurückkehrst, und du hast dich dementsprechend zu verhalten. Man wird dir die Hand reichen, und du wirst den Händedruck auf keinen Fall verweigern. Du wirst vor allem die deutsche Sprache erlernen, wenn du berufliche Aussichten haben willst.

2000 war Rumänien weder ein Teilanwenderstaat des Schengen-Rechts noch EU-Mitglied. Mein kurzes Visum lief ab, und das machte mich eine Zeitlang zum Illegalen. Das bayerische Kabinett Stoiber III und das Bundeskabinett Schröder I ließen mich gewähren, schoben mich nicht ab. Ich denke dankbar daran zurück. Einige undokumentierte Zahnbehandlungen und unzählige Behördengänge später bekam ich dann eine Krankenversicherung und mein Daueraufenthaltsrecht.

Weil ich die........

© der Freitag


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