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NS-Erbe | Falsche Mythen

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08.05.2020

Mitte Mai vor 75 Jahren lieferte sich der Gesandte des Dritten Reichs in der Slowakei, Hanns Elard Ludin, nach kurzer Flucht den amerikanischen Besatzern aus. Während seiner Amtszeit von 1941 bis 1945 wurden 70.000 slowakische Juden deportiert und fast alle später in KZs ermordet. Der „Botschafter im Braunhemd“ kam in Bratislava vor Gericht. Er strickte dort an seiner Legende von der Unschuld, die er auch seiner Frau vermittelte: „Dass ich kein Verbrecher bin, weißt Du ... (mein Herz ist) weder eines unmenschlichen Gefühls, noch einer unmenschlichen Handlung fähig.“ Das Gericht sah das anders: Ende 1947 wurde er als Kriegsverbrecher gehenkt.

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Hanns Ludin war mein Großvater. Seine älteste Tochter brachte mich 14 Jahre nach seinem Tod zur Welt. Ich wuchs mit einer Mutter auf, die unter diesem Erbe litt. Offen sprach sie darüber nie. Zwar war es kein Geheimnis, dass Ludin ein Nationalsozialist war, aber lange dachte ich, dass ein gebildeter Mann wie er sich zur Barbarei nicht eigne. Diesen Glauben nährte meine Großmutter, denn sie erzog ihre Kinder und Enkel mit dem Bild vom unschuldigen Nazi, an dem man sich durch die Todesstrafe stellvertretend für andere gerächt hatte. Der Täter wurde in ein Opfer verkehrt. Die Tatsachen derart zu verdrehen, war mitnichten ungewöhnlich, allenthalben wurde verdrängt, vertuscht, geleugnet, gelogen. Das Schweigen war zur gesellschaftlichen Norm geworden – und hält sich bis heute hartnäckig, sofern es um die eigenen Verwandten geht.

Anders als Ludin, kamen viele Nazis nach dem Krieg davon, machten sogar wieder Karriere. Meines Großvaters rechte Hand in der Slowakei, Hans Gmelin, war zwanzig Jahre lang Oberbürgermeister Tübingens, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz. Er pflegte das braune Netzwerk, das es auch in Tübingen gab. Erst 2018 wurde ihm posthum die Ehrenbürgerschaft der Stadt entzogen. Sogar seine Tochter Herta Däubler-Gmelin, später Justizministerin für die SPD, tat sich schwer, die Vergangenheit ihres Vaters preiszugeben.

Der Vorgesetzte meines Großvaters im Auswärtigen Amt war Staatssekretär Ernst von Weizsäcker. Sein Sohn Richard stellte ihn als widerständig dar, was nicht schwerfiel, war doch das Auswärtige Amt jahrzehntelang von einem falschen Mythos des Widerstands umrankt. In seiner........

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