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Interview | „Wir müssen viel über diese Zeit erzählen“

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11.05.2020

Anna Ornstein, geborene Brünn, kam 1927 in Ungarn zur Welt. 1944 wurde sie mit ihren Eltern und ihrer 96-jährigen Großmutter nach Auschwitz deportiert. Ihre Brüder waren bereits in Arbeitslager verschleppt worden. Die Nazis deportierten sie mit ihrer Mutter ins Konzentrationslager Plaszow nahe Krakau weiter, wo sie im Steinbruch arbeiten mussten. Im Herbst wurden sie über Auschwitz in ein Arbeitslager in der damaligen Tschechoslowakei gebracht und dort am 8. Mai 1945 befreit. Anna Ornstein wanderte 1954 mit ihrem Mann Paul in die USA aus. Die Mutter dreier Kinder und vielfache Großmutter wurde als Ärztin, Psychiaterin, Kinderpsychiaterin und Psychoanalytikerin bekannt und lebt in Boston. Ende 2018 erlitt sie einen schweren Schlaganfall, doch sie erkämpfte sich ihre Eloquenz zurück. Nur mit ihrem Deutsch und Ungarisch klappe es nicht mehr so gut, so die 93-Jährige. Geschichten aus ihrer Vergangenheit sind für sie „wie Gedenkstätten, die ich in den Köpfen unserer Kinder errichtete.“

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Frau Ornstein, wo waren Sie am 8. Mai 1945?

Meine Mutter und ich waren im Frauenarbeitslager Parschnitz in der Tschechoslowakei, einem der KZ-Außenlager von Groß-Rosen. Wir begriffen nicht, was los war. Am Vortag hatte man uns schon nicht zur Arbeit gerufen, es gab nichts zu essen. Am 8. Mai verschliefen wir, völlig erschöpft von der Zwangsarbeit. Der übliche Weckruf vor Sonnenaufgang war ausgeblieben. Es herrschte eine merkwürdige Stille. Als klar war, dass die Nazis gerade abzogen waren, brach im Lager Chaos aus.

Wie ging es dann weiter?

Ein russischer Soldat kam auf einem Motorrad vorbei und sagte, dass wir befreit seien, er uns aber keinerlei Hilfe anbieten könne. Wir waren vollkommen auf uns gestellt und in Panik, hungrig und orientierungslos. Wir hatten die Deutschen überlebt, nun aber war die Situation so schwierig, dass wir nicht wussten, ob wir unsere Befreiung überleben würden. Paradoxerweise hatten wir vor unseren Befreiern Angst, denn wir fürchteten, von Russen vergewaltigt zu werden. Ich war damals 18 Jahre alt, und außer meiner Mutter und mir hatte niemand aus meiner engeren Familie überlebt. Doch das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Wie haben sie sich dann aus dieser Situation helfen können?

Tschechische Bürger haben........

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