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Heinrich Senfft | Ein Praktiker des Dialogs

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05.02.2020

Wie lange er sich von der Bild-Zeitung das alles noch bieten lassen wolle, fragte mein Vater Gregor Gysi nach der Wende und übernahm das Mandat, ihn vor Gericht gegen die Stasi-Vorwürfe der Presse zu verteidigen. „Doch woher wusste er, dass Bild lügt und ich, den er nicht kannte, nicht?“, fragte Gysi 2017 in seiner Trauerrede auf der Beerdigung seines Rechtsanwalts und Freundes Heinrich Senfft.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 03/2020 vom 16.01.2020
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Ob sein Mandant die Wahrheit sagte, konnte mein Vater seinerzeit freilich noch nicht beurteilen, doch war er überzeugt, dass sowohl Pressefreiheit als auch Persönlichkeitsschutz feste Bestandteile eines Rechtsstaats sind. Der Faschismus und Holocaust waren der Grund, warum er sich unverrückbar für Freiheit, Aufklärung und Demokratie einsetzte. Er sah die innere Einheit gefährdet, wenn die Wiedervereinigung vom Geist des Kalten Krieges geprägt blieb. Immer wieder wies er auf die Asymmetrien hin, die nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht zwischen Ost- und Westdeutschen herrschten. Die Bürger der DDR, so wiederholte er, hätten den Preis dafür gezahlt, dass die Deutschen im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege angezettelt hatten, während die Westdeutschen vom Wirtschaftswunder profitierten und ihre NS-Vergangenheit rasch verdrängten. In Ostdeutschland hatte man den antifaschistischen, den „besseren deutschen Staat“ etablieren wollen, weshalb auch viele Juden remigrierten. 1989/90 dann erlebten die Ostdeutschen den zweiten Kollaps nach 1945. „Dabei war das, was offiziell immer noch Wiedervereinigung heißt, in Wahrheit nur der Anschluss nach Artikel 23 des Grundgesetzes, die bedingungslose Übernahme eines Landes, dessen Bewohner nicht mehr gefragt wurden“, so Heinrich Senfft, der sich mit solchen Aussagen manche Feinde machte.

Als die DDR Ende 1989 in eine existenzielle Krise geriet, zeigte sich, dass sie als Gesellschaft nie so monolithisch gewesen war, wie man es sich klischeehaft im Westen bis heute oft vorstellt. 17 Millionen Menschen mit partikularen Interessen und Bedürfnissen entwickelten sich nun politisch völlig unterschiedlich. „In der DDR konnten wir uns darauf einigen, wogegen wir waren, doch nach dem Fall der Mauer stellte sich heraus, dass wir sehr unterschiedliche Ansichten hatten und uns nicht einigen konnten, wofür wir eigentlich waren“, sagt Daniela Dahn, für die mein Vater acht Verleumdungsklagen gegen die Springer-Presse........

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