Aufgehen in der Natur: Ryan Mosley und die Logik des Fortbestehens |
Der Maler Ryan Mosley stammt aus Sheffield, einer Stadt östlich von Manchester. Es wäre banal, ihn einen Romantiker zu nennen. Ja, auch er hat, wie einst Turner oder Caspar David Friedrich, die Protagonisten seiner Bildgeschichten in Fantasielandschaften gestellt und dem immerwährenden Reigen der Jahreszeiten ausgesetzt.
Nur stehen Mosleys Figuren nicht als einsame Wesen in der launischen, übermächtigen, ewiglichen Natur. Sondern sie werden gleichsam Teil von ihr in Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Weder Schnee, Eis, Kälte auf Bergen, Fichten noch Sonnenhitze überm Tal und an Ufern scheinen ihnen etwas auszumachen. Die Gestalten wirken wie aus der Zeit gefallen mit ihren historischen Zylinderhüten oder als Besiedler des Wilden Westens, Typen in Cowboykluft, aber ohne Lasso. Auch ist kein einziges Pferd oder Rind zu sehen und nicht einmal ein Lattenzaun oder das Dach einer Farm.
Es ist, als habe er sich sein Bildpersonal humorvoll aus alten Filmen geborgt, etwa den Mann in derber Latzhose im Boot auf dem See, getaucht in Morgen- oder Abendlicht, das auf dem Wasser tanzt – alles in Rot-Orange. Er rudert seelenruhig, hat keine Angel, kein Netz, offenbar keine Absicht, etwas zu fangen. Die stoische Figur steht nicht für Außen- oder Innenwelt. Sie verkörpert beides – wie um zu zeigen, dass die Wirkung der Jahreszeiten nicht nur in der äußeren Natur geschieht, sondern ebenso im Inneren, wo der Körper die Farben der Landschaft aufnimmt, aus ihnen zu bestehen scheint und zu ihrem Geschöpf wird – physisch wie sinnlich.
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Mosley, der seine Pinsel spontan wie Stifte benutzt, die Kompositionen durch Schichten transparenter Lasuren aufbaut, lehnt zwar nicht das Theatralische, wohl aber die romantisierende Idee von der Natur als allmächtige Kulisse ab, in der der Mensch allein der göttlich erhabenen, gar brutalen Naturkraft ausgesetzt ist.
In Mosleys Motiven erscheinen die Jahreszeiten als aktive, natürliche Elemente, die stets einer Logik des Fortbestehens folgen – und nicht als drohende Apokalypse in Erscheinung treten, wie es im Gemälde „Natures Stage“ angesichts eines kurz vor dem Ausbruch stehenden Vulkans, der Feuer, Magma, Asche, Zerstörung und Tod verheißt, gedeutet werden könnte.
Mosley malt die Jahreszeiten im selbstverständlichen Einklang mit dem Menschen und seiner vertrauensvollen Gewissheit ums Kommen und Gehen der Natur. Jahreszeiten, meint er, würden nicht einfach nur wahrgenommen, sondern durchlebt. Sie verändern demnach die Art, wie sich unser Körper bewegt und anfühlt, noch bevor wir uns dessen überhaupt bewusst werden. Also, wenn die alten Gelenke zwicken, wenn es kalt wird?
Ryan Mosley: Seasons. Eigen+Art Berlin, Auguststr. 26, Di–Sa 11–18 Uhr. Bis 25. April