Moral ist ein Irrtum: Was man in Stalins Lagern lernen konnte |
Die praktische Anwendung hat Henryk Michajlowicz Mrugalski, geboren 1918 in dem polnischen Dorf Rozyce, schon durch, als er 1960 in Chicago bei Linda Berger Kurse in Soziokybernetik belegt. „Uns geht es um die Mathematik hinter dem Verhalten von Menschen“, doziert Berger. Nicht das Verhalten des einzelnen Menschen interessiere sie, auch keine moralischen Überlegungen. „Für uns steht fest, dass Menschen sich in Strukturen einfügen, in Rechts-, Wirtschafts- oder Bildungssysteme.“ Es gehe um die Interaktionen von Handelnden in diesen Systemen, die sich mathematisch beschreiben lassen – und zwar „mit den Theorien komplexer Spiele und mit der Funktionsweise von Informationsnetzwerken“. Und noch deutlicher: „Weder Theologie noch Rechtswissenschaften noch Politik können uns helfen, da sie den Menschen als moralisch verantwortliches Subjekt betrachten. Dies jedoch ist ein Irrtum.“
„Selbstregulierung des Herzens“: Rückblick auf die DDR in Farbe
Das ist die These, an der sich der neue Roman von Matthias Nawrat mit dem fatalistisch und tröstlich zugleich verstehbaren Titel „Das glückliche Schicksal“ abarbeitet. Es ist ein philosophischer Roman, der seinen Fluchtpunkt in der Mitte des 20. Jahrhunderts hat und gerahmt wird von einer Begegnung im Jahr 1983 in Venedig: Die junge polnische Sozialpsychologin Wanda reist aus Krakau an, um Mrugalski in seinem selbstgewählten Exil zu seinen Forschungen zu befragen – während in ihrem Heimatland nach den Solidarność-Streiks das Kriegsrecht gilt.
Mrugalskis Philosophiestudium in Wilna wurde durch den Krieg unterbrochen, danach hat er ein paar Jahre in der Verwaltung gearbeitet und sich........