Hasko Weber: „Ich halte es für einen Vorteil, im Osten sozialisiert zu sein“ |
Hasko Weber kehrt in seine Geburtsstadt zurück, die auch schon mal seine künstlerische Heimat war. Ab der Spielzeit 2027/28 übernimmt der 62-Jährige das Staatsschauspiel Dresden, bringt Erfahrungen aus Cottbus, Stuttgart und Weimar und eine Vision von Theater mit, das die Bürger direkt einbezieht, sich vor den gesellschaftlichen Spannungen und der politischen Polarisierung nicht verkriecht und das offensiv mit den knappen Budgets umgeht. Die Berliner Zeitung hat ihn in seiner Interimswirkungsstätte, dem Staatstheater Cottbus, für ein Interview besucht.
Herr Weber, Sie sind 62 Jahre alt und übernehmen ein Theater, in dem Sie zu Beginn Ihrer Karriere schon einmal eine leitende Funktion innehatten – das hört sich erst einmal nicht nach einem neuen künstlerischen Aufbruch für die Stadt an. Was haben Sie sich für Kommentare zu Ihrer Ernennung anhören müssen? Bisher hatte ich ein positives Feedback und ich freue mich, dass ich meine Erfahrungen in die Dresdner Theaterarbeit einbringen kann. Im Haus und in der Stadt bin ich jedenfalls sehr freundlich empfangen worden. Ich kenne den Osten und halte es für einen Vorteil, hier sozialisiert zu sein. Das ist zwar kein ausschlaggebendes Kriterium dafür, Verantwortung zu übernehmen. In einer Stadt wie Dresden halte ich das im Zusammenspiel der verschiedenen Kultureinrichtungen aber für wesentlich. Theater und Orchester steuern in den nächsten Jahren, wie viele Bereiche der Kultur, auf offene Finanzierungsfragen zu. Darauf stelle ich mich jedenfalls ein. Das politische Klima ist zudem schwer einschätzbar. Für eine Annäherung zwischen den Trägern und den einzelnen Einrichtungen kann ein Verständnis für die Verhältnisse hilfreich sein.
Glauben Sie, dass Sie gut in Erinnerung geblieben sind in Dresden? Ich bin in Dresden geboren und das Staatsschauspiel ist meine künstlerische Heimat. Hier habe ich gelernt, wie man im Theater miteinander umgeht und was man gemeinsam bewegen kann. Das Zusammenspiel in der Intendanz von Dieter Görne hat damals einfach gestimmt und wirkt bis heute nach. Vertrautheit würde ich jedenfalls nicht als Nachteil sehen. Auf Erinnerungen kann man sich weniger gut verlassen.
Es ist also kein Schritt zurück. Nein, kann es ja nicht sein. Die Stadt hat sich verändert, genau wie unsere ganze Gesellschaft, auch das Theater. Die politische Situation in den Neunzigern war angespannt und schwer fassbar. Besonders im Osten. Das ist sie heute wieder. Allerdings fällt nichts einfach vom Himmel. Vieles, was heute abläuft, hat seine Ursprünge in der Zeit nach dem Fall der Mauer, und ich finde, dass wir nach wie vor lernen sollten, das besser zu verstehen. Im Elbsandsteingebirge und im Erzgebirge hat die NPD damals bis zu zwanzig Prozent der Wählerschaft erreicht. Mit extremsten Positionen, die sich inzwischen salonfähig im politischen Spektrum verfestigt zu haben scheinen. Alles war im Kern schon da.
Wieso wählte damals schon bis zu einem Fünftel rechtsextrem? Die Ostdeutschen mussten Erfahrungen machen, die sie bis dahin nicht kannten. Der mögliche Verlust der Arbeit ist dabei für die meisten maßgeblich gewesen. Die Freiheit war da und die Sicherheit war weg. Das ergab die ersten Risse im Putz, die sehr schnell größer wurden, auch in Sachsen. Am 3. Oktober 1990, am Tag der Deutschen Einheit, wurde Pentacon in Dresden geschlossen. Mehrere Tausend Leute sind auf der Straße gelandet, an diesem Tag! In der Lausitz ist die Textilindustrie abgewickelt worden, im Erzgebirge die Herstellung von Waschmaschinen und Kühlschränken. Im Maschinenbau standen in Chemnitz auch fünf- oder sechstausend Leute auf einen Schlag draußen. Welche Wirkungen hatte das damals? Wie gehen die Kinder und die Enkel dieser Generation heute damit um? Die Schmerzpunkte sind geblieben und brauchen Aufmerksamkeit.
Muss man immer noch diesen Bogen schlagen, um die Gegenwart zu erklären? Ich verstehe Gegenwart nicht ohne Geschichte. Dresden ist für mich auch eine historische Schnittstelle. Entscheidend ist, welche Zusammenhänge wir herstellen. In welchen Zeitrahmen diskutieren wir? Wo steigen wir ein? Vor oder nach dem Ersten Weltkrieg? 1933? Mit dem........