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Heinz-Jürgen Gottschalk: Wie die NVA die Musik seiner DDR-Band prägte

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Dieser Sänger rief immer wieder energisch zum Hören auf. Der Song „Hörst Du mich klopfen an dein Tor“ richtete sich an ein blondes Mädchen, dem er einen warmen Platz unter der Kutte anbot. Im Stück „Auch das ist Dein Leben“ warb er: „Hörst Du die Liebe, kannst Du sie sehen? Willst Du nicht allein sein, musst Du mit mir gehen!“ Doch was aufgeschrieben nach Schlager klingt, entwickelt sich beim Hören zu abgedrehten Progrock-Nummern. Nach gut zwei Minuten sprengte die Band um Heinz-Jürgen Gottschalk das Radio-Single-Format. Mehr als fünf Minuten lang ließ er seine Gitarre heulen wie bei Cream oder Jefferson Airplane. Die Combo vermittelt einen Eindruck wie sie live geklungen hätte, wenn sie hätte spielen dürfen wie sie wollte.

Dabei entstanden die Aufnahmen im Herbst 1971 unter ganz besonders reglementierten Umständen. Heinz-Jürgen Gottschalk, Gitarrist und Sänger der angesagten Erfurter Band Nautiks, war zur NVA ins vorpommersche Drögeheide eingezogen worden und durfte nach Dienstschluss in einer Band Musik machen. Die nannte sich TBA-Combo, nach dem Transportbataillon im Mot.-Schützenregiment „Rudolf Renner“ der 9. Panzerdivision.

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Die Umstände seiner Einberufung waren alles andere als harmonisch. Kurz zuvor war Gottschalk, den alle Welt nur „Gotte“ nennt, bei einem Autounfall schwer verletzt worden – und seine Frau Carola war im achten Monat schwanger. Doch das alles bewahrte ihn nicht vor dem „Ehrendienst“. „Kuriert werden Sie bei uns!“ bekam er zu hören und wurde innendiensttauglich geschrieben. Das hieß: Klos putzen und Arbeiten im Garten.

Schon auf dem Bahnhof aber hatte er sich bei einem musikbesessenen Feldwebel gemeldet – und durfte fortan zum Tanz spielen. Die rührige Rundfunk-Redakteurin Luise Mirsch, die vielen DDR-Bands zu ersten Aufnahmen verhalf, hielt auch während der Armeezeit Kontakt und verschaffte ihnen Termine im Studio Schwerin. Bei Stücken wie „Hörst Du mich klopfen“ spielte er seinen Frust heraus. „Es gärte in mir, das musste raus“, erinnert sich Gotte heute.

Die Armeezeit war für jede junge DDR-Band eine heikle Phase – die Allermeisten wurden mit 19 einberufen, Totalverweigerung hätte zu Knast, der Dienst als „Spaten-Soldat“ zum Ende der Karriere geführt. Bands wurden für 18 Monate auseinandergerissen, mitunter bewusst getrennt, um sie zu disziplinieren. Nur wenige schafften es, mit Attesten der „Fahne“ zu entkommen. Manche durchlebten eine echte Leidenszeit, wie der spätere Pankow-Sänger André Herzberg, der einen Selbstmordversuch mit Tabletten unternahm.

Andere lernten beim Spielen in Regimentsbands Gleichgesinnte kennen. So beschreibt der Gitarrist Peter „Cäsar“ Gläser in seiner Autobiografie, wie er 1968 auf dem Kasernenhof den bekannten Schlagzeuger Thomas Bürkholz traf und mit ihm eine Armeeband aufmachte, zu der auch Jochen Hohl stieß – der spielte dann mit Gläser bei Renft und Karussell. Auch Gotte Gottschalk fand in Drögeheide einen guten Drummer: Uwe Peschke spielte dann in den Siebzigern bei der populären Gruppe Kreis.

Die Spanne reichte von Propaganda bis zu Piraterie

Eine Begegnung in der Kaserne hob die Gruppe Lift an. Denn der jazzorientierte Keyboarder Wolfgang Scheffler lernte bei der NVA den Amateurmusiker Henry Pacholski kennen, der sein Gruppenführer war. Die beiden begannen, noch während der Armeezeit an langen Abenden an Stücken zu arbeiten. „Nach Süden“, „Scherbenglas“ oder „Sommernacht“, komponiert von Scheffler, getextet und gesungen von Pacholski, erschienen auf der LP „Meeresfahrt“ und rangieren in jeder Umfrage nach den stärksten DDR-Rocksongs ganz oben.

Bis zum Ende der DDR mussten die Musiker Strategien entwickeln, mit dem leidigen Thema Armeedienst umzugehen. Die Spanne reichte von Propaganda bis zu Piraterie. So ließen sich die Musiker von Rockhaus, zum Entsetzen vieler Fans, vor ihrer gemeinsamen Einberufung bei einem Fotoshooting für das  Jugendmagazin „Neues Leben“ die Haare kurz schneiden und berichteten in einer Art Armee-Tagebuch brav vom „Ehrendienst“. Ihr Zimmergenosse war Frank Gahler, der Sänger von NO 55. Gitarrist Gisbert Piatkowski übernahm derweil dessen Gesangspart.

„Pervers ideale Situation der Enge und des Drucks“

Komplett subversiv dagegen agierte eine Truppe bei der Volksmarine in Rostock, die die Tontechnik einer Propagandaeinheit heimlich für ihre Zwecke nutzte. Diese Piraten unter ihrem Anführer Axel Holst, heute als Schauspieler bekannt, kreierten in der „pervers idealen Situation der Enge und des kreativen Drucks“ düstere Industrial-Klänge. Die Aufnahmen des Projekts „FO 32 extra hart arbeitendes Rastermaterial für Kontakt“ wurden 2022 vom Underground-Experten Henryk Gericke auf seinem Label Tapetopia herausgebracht.

Auch die Aufnahmen der TBA-Combo sind von besessenen Enthusiasten wiederentdeckt worden. Jens-Uwe Berndt, der für sein Label Rokkfilm das Rundfunkarchiv systematisch durchforstet, hatte im vergangenen Jahr schon ein Album mit remasterten Titeln von Gottschalks früher Band Nautiks herausgebracht. Nun folgt ein Album der TBA-Combo unter dem Titel „Freiheit“.

Neben den beiden Stücken mit langen Gitarrensoli stehen zwei Aufnahmen einer Session vom Februar 1972. In „Son My“ widmeten sich Gotte Gottschalk und Co. dem Vietnamkrieg, der Text kam von seiner Frau Carola. Auf dem Label auf der Platte kreuzen sich Maschinenpistole und Gitarre; Berndt und Co. haben in die gesamte Gestaltung viel Aufwand gesteckt: Auf die Rückseite der Platte wurde nicht Musik, sondern eine Gravur gepresst: Hier begegnen sich ein Hippie mit Joint und ein Soldat mit Stahlhelm.

Wegen angeblichem Schmuggel kriminalisiert

Heinz-Jürgen Gottschalk gesteht heute, dass er die Armeeaufnahmen fast vergessen hatte. Nachdem seine Nautiks 1973 wegen angeblichem Instrumentenschmuggel kriminalisiert und zerschlagen wurden, heuerte er bei Horst Krüger an (der in den Sechzigern als Notenwart beim Erich-Weinert-Ensemble seine NVA-Zeit herumgebracht hatte). Mit der Band Neue Generation gelangen ihm noch mal hochinteressante Progrock-Stücke, bis er 1984 endlich sein Solo-Album bei Amiga veröffentlichen konnte – und ein Jahr später von einem West-Auftritt nicht zurückkehrte.

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Seit einigen Jahren lebt „Gotte“ auf Rügen an der Ostsee – so wie es der Name Nautiks schon vorher bestimmt hatte. Der Armeezeit kann er nichts abgewinnen: „Es waren verlorene Jahre“, resümiert er im Gespräch. „Ich war bei der Geburt meines Sohnes nicht dabei, konnte Frau und Kind monatelang nicht sehen. Und musikalisch hätte ich mich in dieser Zeit ganz anders weiterentwickeln können, als zum Tanz für Offiziere aufzuspielen.“ Auch bei Auftritten in Berlin spielt der Thüringer, inzwischen 77 Jahre alt, gern in Wassernähe: Am 10. April ab 19 Uhr tritt er in der Fisch-Borke in Rahnsdorf am Müggelsee auf.Die Alben „TBA-Combo: Freiheit“ und „Nautiks: Leben und Liebe sind Warten und Abschied“ sind bei Rokkfilm erschienen.


© Berliner Zeitung