„Mit einem Eimer Wasser putzt sie das ganze Haus. Und wenn noch etwas übrig bleibt, dann kocht sie Kaffee draus“, heißt es in einem alten Berliner Lied über eine sparsame Tante aus Friedenau. Daran muss ich denken, wenn ich die Wasser-Spartipps dieser Tage höre. Sogar hochrangige Politiker beteiligen sich daran und sagen Dinge wie: „Ich mache morgens nur Katzenwäsche“ oder: „Man muss nicht dauernd duschen. Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung.“

Es ist sicher gut und richtig, über den eigenen Umgang mit Wasser nachzudenken. Man kann beim Zähneputzen einen Becher benutzen, statt das Wasser laufen zu lassen. Man kann gebrauchtes Wasser zum Klospülen verwenden, im Garten klimarobuste Büsche pflanzen, eine Wiese säen statt englischen Rasen. Jeder sollte seinen Beitrag leisten. Denn das Wasser geht zur Neige. Berlin leidet seit Jahren unter Trockenheit. Der Grundwasserspiegel sinkt.

Doch fast klingt es, als sei das Wassersparen eine Privatsache. Wenn der Bürger in Deutschland nur noch Katzenwäsche macht, dann kommt bald wieder alles ins Lot, könnte man meinen. Dabei wird zugleich beklagt, dass es bis heute keine nationale Wasserstrategie gibt, dass man gigantische Wasser-Abpumper wie das Brandenburger Tesla-Autowerk in einem Trinkwasserschutzgebiet ansiedelt, dass die Industrie weiter riesige Mengen Wasser aus austrocknenden Flüssen – etwa dem Rhein – entziehen darf, während Bürgern eine Entnahme verboten wird.

Dürre in Berlin Experte über Wassermangel in Berlin: „Das Problem wird größer werden“

Man muss offen über ein ganzes System reden, wenn es ums Wasser geht – auch mit Blick auf Industrie, Werbung, Politik und alle, die am ständig postulierten Wachstum verdienen. Man muss über Verschwendung und Überproduktion reden. Denn wenn wir uns nicht bewusst werden, welchen Wert Dinge wirklich haben, werden wir das Problem des Wasserverbrauchs nicht annähernd lösen.

Ein paar Beispiele: Für die Herstellung einer einzigen Jeans braucht man 11.000 Liter Wasser, betrachtet man die ganze Produktionskette. Für eine Tonne Papier sind es 400.000 Liter Wasser, für eine Tonne Stahl 200.000 Liter, für eine Tonne Plastik 500.000 Liter. Warum also sind Produkte im Handel immer noch übermäßig in Plastik eingepackt? Warum leisten wir uns eine Überproduktion ressourcenintensiver Waren, die dann bergeweise auf dem Abfall landen?

Für ein einziges Kilo Rindfleisch werden bis zu 20.000 Liter Wasser benötigt, für ein Kilo Schweinefleisch fast 6000 Liter. Dafür könnte man hundertmal duschen. Der Anbau von Viehfutter, die Tierhaltung sind sehr wasserintensiv. Um richtig verstanden zu werden: Es geht nicht um Verbote! Auch ich esse gern Schnitzel. Doch allein in Deutschland landen gigantische Mengen gar nicht in den Mägen, sondern im Müll. Das betraf 2021 etwa die Fleischmenge von 50.000 Rindern, 640.000 Schweinen und 8.900.000 Hühnern. In einem einzigen Jahr!

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Neben den Leben und Unmengen an Wasser, die hier verschwendet wurden, geht es auch um Flächen. Etwa 60 Prozent aller Felder dienen dem Futtermittelanbau. Man könnte Teile davon in Landschaften umwandeln, die Wasser speichern und in denen die Böden nicht übermäßig austrocknen wie etwa bei Monokulturen. Zum Wassersparen gehört auch, dass man insgesamt mit Ressourcen nachhaltiger umgeht. Etwa durch die sogenannte Kaskadennutzung von Wasser bei industriellen Prozessen. Oder durch das Speichern von Regenwasser in Becken und auf geeigneten Flächen – für Bewässerung, Kühlung, das Nachsickern von Grundwasser. Warum macht man so etwas nicht überall?

Natürlich hat eine Kommune auch das Recht und die Pflicht, Prioritäten zu setzen, sprich: den Wasserverbrauch in Dürrezeiten einzuschränken. Doch statt Verbotsdebatten zu führen, sollte man lieber sachlich informieren. Offenbar ist vielen Menschen die Erkenntnis abhandengekommen, dass Ressourcen wertvoll und endlich sind. Jahrtausendelang spürten die Menschen das am eigenen Leib. Selbst der reichste Burgherr war von seinem Brunnen abhängig. Und wehe, dieser versiegte!

Reportage am Wochenende Wassermangel: „Keiner hat geglaubt, dass der Klimawandel uns so schnell trifft“

Heute gibt es eine Vollversorgungsmentalität. Das Wasser hat – bitte schön – zuverlässig aus dem Hahn zu laufen. Doch das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Als Kind erlebte ich regelmäßig an Sommerabenden, dass in unserer Wohnung kein Wasser mehr aus dem Hahn kam, wenn zum Beispiel überall die Leute ihre Gärten sprengten. Der Leitungsdruck reichte einfach nicht mehr aus. So etwas versucht man heute zu verhindern. Wir aber kannten das schon und hatten vorausschauend zwei Eimer mit Wasser bereitgestellt. Ja, auch für die Katzenwäsche – mit Waschlappen.

QOSHE - Klatsch mit dem Waschlappen! Warum Wassersparen nicht die Bürger allein angeht - Torsten Harmsen
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Klatsch mit dem Waschlappen! Warum Wassersparen nicht die Bürger allein angeht

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29.08.2022

„Mit einem Eimer Wasser putzt sie das ganze Haus. Und wenn noch etwas übrig bleibt, dann kocht sie Kaffee draus“, heißt es in einem alten Berliner Lied über eine sparsame Tante aus Friedenau. Daran muss ich denken, wenn ich die Wasser-Spartipps dieser Tage höre. Sogar hochrangige Politiker beteiligen sich daran und sagen Dinge wie: „Ich mache morgens nur Katzenwäsche“ oder: „Man muss nicht dauernd duschen. Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung.“

Es ist sicher gut und richtig, über den eigenen Umgang mit Wasser nachzudenken. Man kann beim Zähneputzen einen Becher benutzen, statt das Wasser laufen zu lassen. Man kann gebrauchtes Wasser zum Klospülen verwenden, im Garten klimarobuste Büsche pflanzen, eine Wiese säen statt englischen Rasen. Jeder sollte seinen Beitrag leisten. Denn das Wasser geht zur Neige. Berlin leidet seit Jahren unter Trockenheit. Der Grundwasserspiegel sinkt.

Doch fast klingt es, als sei das Wassersparen eine Privatsache. Wenn der Bürger in Deutschland nur noch Katzenwäsche macht, dann kommt bald wieder alles ins Lot, könnte man meinen. Dabei wird zugleich beklagt, dass es bis heute keine nationale Wasserstrategie gibt, dass man gigantische........

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