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Giftige Blaualgen: Werden sie in Berlin wirklich ungenügend bekämpft?

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22.06.2022

Wir sind mitten im Sommer, die Saison der Blaualgen in den Seen beginnt. Es gab Meldungen über erste Badeverbote: aus Bayern und für einen Teil des Spremberger Stausees in Brandenburg. Doch wie bekämpft man die Blaualgen am besten? Dazu haben jüngst Forscher der Technischen Universität (TU) Berlin neue Erkenntnisse veröffentlicht. Diesen wird jetzt aus Fachkreisen widersprochen.

Für die im Fachjournal Science erschienene Studie der TU Berlin simulierten Forscher mithilfe eines „agentenbasierten“ Modells das Verhalten von Blaualgen am Beispiel des Eriesees, der in den USA und Kanada liegt. Es handelte sich um die Blaualgenart Microcystis, die auch hierzulande weit verbreitet ist und das Lebergift Microcystin (MC) produziert. Als Ergebnis ihrer Computer-Modellierungen stellten die Forscher bisherige Methoden der Bekämpfung von Blaualgen infrage.

TU-Studie Giftige Blaualgen: Bisher wurden sie nicht effektiv bekämpft

Bisher habe man vor allem die Phosphorbelastung von Gewässern reduziert, so die Forscher. „Weniger Phosphor im Wasser reduziert die Masse an Blaualgen und damit auch die Menge an Gift, das war die einfache Formel beim Gewässermanagement“, sagte Ferdi Hellweger, Professor an der TU und Hauptautor der Studie. Doch die Modelle zeigten: Eine Phosphorreduktion führe „zwar zu weniger Blaualgen insgesamt, aber im Verhältnis zu mehr giftproduzierenden Blaualgen – und zwar zu so viel mehr, dass die Menge an Giftstoff im See auch absolut zunimmt“, wie die TU Berlin mitteilte.

Kurz: Die Bekämpfung der Blaualgen durch Phosphorreduktion mache den See giftiger. Man müsse neben dem Phosphor auch den Eintrag von Stickstoff in den See verringern, so die TU-Forscher. Beide Stoffe kommen unter anderem aus Klärwerken. Menschliche Ausscheidungen enthalten viel davon. Sie werden aber auch in der Landwirtschaft als Dünger verwendet. Der TU-Studie zufolge stünden praktisch alle Programme zur Gesunderhaltung oder Sanierung von Seen auf dem Prüfstand. Das impliziert, dass auch giftige Blaualgen in Berliner Seen auf ungenügende Weise bekämpft werden.

Diesem Urteil widerspricht nun eine Expertin, die sich bei der Berliner Zeitung gemeldet hat. Sie umreißt zunächst, was die TU-Studie leistet und was nicht. „Die Publikation in Science befasst sich mit Ergebnissen aus Labor-Experimenten“, sagt Ingrid Chorus, promovierte Biologin, Spezialistin für Binnengewässerökologie und Mitherausgeberin einer WHO-Monografie zu toxischen Blaualgen. „Die Ergebnisse werden gewonnen an Blaualgen-Kulturen, die man irgendwann aus dem Freiland ins Labor geholt hat.“ Ihrer Meinung nach könne man aber schlecht aus dem, was Einzelzellen in einfachen Systemen wie im Labor machen, auf das Verhalten der Population in sehr komplexen Systemen wie Seen schließen.

Meeresbiologie Ostsee: Blaualgenblüten sind kein neues Phänomen

Das bedeute nicht, dass an den Laborergebnissen und Modellen der TU-Studie an sich etwas auszusetzen sei – aber durchaus an der Übertragung der Ergebnisse aufs Freiland, also auf die natürlichen Gewässer. Denn dort spielten noch andere Prozesse hinein. Und in der Praxis zeige sich, dass man in Berlin und anderswo Blaualgen und Blaualgentoxine........

© Berliner Zeitung


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