„Du bist so dürre, wie willste denn übern Winter kommen?“, fragt der Berliner seinen Kumpel. „Da mach dir mal keene Sorjen. Ick leech ma uffs Sofa und sauf Glühwein!“, antwortet dieser. Die Wendung „über was rüberkommen“ findet sich in so manchem Berliner Spruch. „Komm’ wa übern Hund, komm’ wa ooch übern Schwanz“, sagten die alten Tanten. Und zu Silvester ruft man sich zu: „Komm jut rüba!“

Die in letzter Zeit immer wieder gehörte Wendung, Deutschland müsse „über den Winter kommen“, ist aber nicht so scherzhaft gemeint wie die meisten Berliner Sprüche. Sie ist die Renaissance einer uralten Sorge, ausgelöst durch Gasmangel, Ukraine-Krieg, Verteuerungen, die viele schlimm treffen. Doch im Grunde passt die Angst davor, es gar nicht „übern Winter“ zu schaffen, nicht in unsere satte Überproduktionsgesellschaft. Jedenfalls nicht für die Mehrheit.

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Dabei war diese Gefahr jahrtausendelang buchstäblich real. Und zwar für die meisten Menschen. Die Bauern im Mittelalter mussten rechtzeitig das Sauerkrautfass ansetzen, damit ihnen im Winter nicht die Zähne ausfielen. Vitamin-C-Pillen gab’s nicht. Die Kuh kam in die Wohnhütte, um schon mal alles schön warm zu pupsen. Und wehe, die Mäuse gingen ins Getreide. Dann war der tägliche Brei in Gefahr. Das Feuerholz qualmte, die Augen tränten. Niemand erwartete, dass es „stets angenehm warm“ war, sondern es war: warm – kalt – warm – kalt. Übrigens auch in Schlössern. Das blieb lange so im Zeitalter von Holz und Kohlen.

Die ganze Innenraum-Temperaturdebatte von heute – ob 20, 19 oder 18 Grad – ist im Grunde lächerlich. Und ich frage mich auch schon, wie die Schlagzeilen aussehen, wenn irgendwann im Winter die sibirische Kälte einsetzt, sprich: Minusgrade vom Osten rüberkommen. Das würde vom Propagandistischen her gut in die Gesamtsituation passen. Die „Russenpeitsche“!

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Mein Opa hatte im Schlafzimmer gar keinen Ofen, obwohl die Peitsche damals öfter kam. Wozu auch? Das Bett wurde mit einer Wärmflasche vorgewärmt. Man kroch unter ein fettes Federmonstrum – schwer wie ein toter Eisbär. Oft verrutschte der ganze Federklumpatsch. Steckte man den Fuß raus, war es eiskalt. In meinem Kinderzimmer zu Hause stand ein Öfchen, das ich morgens selbst anheizen musste. Oben drauf war eine Eisenplatte. Wenn sie heiß war, spuckte ich gern drauf, weil dann kleine Perlen tanzten und hüpften. Es war falsch, überall die Kachelöfen abzuschaffen. In jeder Wohnung hätte man wenigstens einen stehenlassen sollen.

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Aber wenigstens gibt’s jetzt die soziale Wärme-Offensive, zumindest verbal. Olaf Scholz hat schon gesagt: Wir lassen niemanden allein! – und leicht somnambul gelächelt. Anderswo übt man sich in Kumpelei. Neulich begrüßte mich die Moderatorin eines ZDF-Nachrichtenkanals mit: „Hey, schön dass ihr dabei seid! ZDF heute live.“

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Ich zuckte zusammen. Es war keine Kindersendung. Es ging um Krieg, Rassismus, Cum-Ex und Taiwan. Im Englischen würde man jetzt sagen: „Don’t hey me!“, also: „Hey mich nicht!“ Wir sind doch nicht plötzlich alle gute Kumpels in trauter Harmonie. Oder ist das schon die Einstimmung auf die Wärmestuben, in denen wir bald alle eng zusammenrücken müssen? Na gut, wahrscheinlich nicht alle.

Buchpremiere: Torsten Harmsen: Berlin brummt – Geschichten aus dem Hauptstadt-Kaff. BeBra-Verlag (ersch. 29. September). Lesung am Mittwoch, 5. Oktober 2022, 20 Uhr, im Pfefferberg-Theater, Schönhauser Allee 176, 10119 Berlin.

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„Hey, schön dass ihr dabei seid!“ Wie wir alle über den Winter kommen

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09.09.2022

„Du bist so dürre, wie willste denn übern Winter kommen?“, fragt der Berliner seinen Kumpel. „Da mach dir mal keene Sorjen. Ick leech ma uffs Sofa und sauf Glühwein!“, antwortet dieser. Die Wendung „über was rüberkommen“ findet sich in so manchem Berliner Spruch. „Komm’ wa übern Hund, komm’ wa ooch übern Schwanz“, sagten die alten Tanten. Und zu Silvester ruft man sich zu: „Komm jut rüba!“

Die in letzter Zeit immer wieder gehörte Wendung, Deutschland müsse „über den Winter kommen“, ist aber nicht so scherzhaft gemeint wie die meisten Berliner Sprüche. Sie ist die Renaissance einer uralten Sorge, ausgelöst durch Gasmangel, Ukraine-Krieg, Verteuerungen, die viele schlimm treffen. Doch im Grunde passt die Angst davor, es gar nicht „übern Winter“ zu schaffen, nicht in unsere satte Überproduktionsgesellschaft. Jedenfalls nicht für die Mehrheit.

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