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Thilo Mischke: „Die Mauer fiel 1989 auch, damit meine Eltern reisen können“

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25.09.2021

Berlin - „Weißt du, wo die Eltern sind?“, frage ich meinen Bruder in den letzten Tagen sehr häufig, sehr besorgt. Und er, er macht das Gleiche wie ich, öffnet auf seinem Telefon die „Wo ist“-App. Ein kleines Programm, das es möglich macht, verlorene Kinder, Hunde, Schlüssel und Eltern auf einer Karte anzeigen zu lassen, um ihren genauen Standort zu erfahren.

Natürlich weiß ich, wo meine Eltern sind. Sie sind in Island. Einem Land, das in meiner Familie eine übergeordnete Rolle spielt. Nicht etwa, weil meine Eltern oft dorthin gefahren sind, nein, aber sie haben sehr oft davon geträumt. Jetzt will ich wissen, wo genau sie sind. An welchem Wasserfall sie stehen, in welchem Restaurant sie essen oder ob sie mit dem Auto von der berühmten Route 1, die ein Mal um Island führt, abgekommen sind und jetzt im Straßengraben erfrieren.

Im Gegensatz zu meinen Eltern war ich sehr oft in Island, ich kenne die Gefahren dieses unscheinbaren Landes. Fischgräten, an denen man ersticken kann, Schnaps, der zu stark ist, heiße Quellen, die eigentlich kochende Quellen sind. Ich sehe meine Mutter Lupinensamen essen, weil sie denkt, es sind Erbsenschoten. Ich sehe meinen Vater geräuschlos in den berühmten Gletschersee Jökulsarlon gleiten und ihn hilflos auf einer Eisscholle in den........

© Berliner Zeitung


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