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Thilo Mischke: „Die Bezirkswunderlinge verschwinden aus Berlin“

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19.06.2021

Berlin - Es ist Juni 1996, ich bin 15 Jahre alt und es ist Sommer, als es anfängt zu schneien. Die Frankfurter Allee weiß, eine Straße, die eher zum hässlichen Teil von Friedrichshain gehört, ist plötzlich ansehnlich.

Voigt bis Pettenkofer, eine Region im Ring, die sich schwer gentrifizieren lässt. Noch bis vor kurzem lebten dort die Nordkieznazis, die am Sonnabend in den Prenzlauer Berg fuhren, um bei einem BFC-Dynamo-Spiel gegen Mülleimer zu treten. Oder: um mit der U2 besoffen nach Pankow zu fahren und dort Passanten zu schubsen.

Feine Gespinste, die sich in den Pfützen verfangen, die hilflos in der Rinde von Bäumen hängen, Menschen niesen und schieben mit ihren Füßen die gewichtslosen Schneehaufen beiseite. Es schneit Flocken, die nicht schmelzen.

Ich helfe meiner Mutter in der Franz-Mehring-Buchhandlung. Zu diesem Zeitpunkt ist sie eine vielrauchende Buchhändlerin mit legendärer Berliner Laune. Für fünf Mark die Stunde bessere ich mein Taschengeld auf, reinige die unteren Regalreihen mit einem feuchten Lappen. Lerne, mit fremden Menschen zu sprechen und ihnen Bücher zu verkaufen, die ich nicht gelesen habe, aber als absoluten Geheimtipp empfinde. Es ist ungefähr die Zeit, in der auch ich mit dem Rauchen anfange. Vorbildfunktion und so. Ich stehe also dort am Fenster und beobachte einen alten Mann........

© Berliner Zeitung


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