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Thilo Mischke: „Alles bleibt chaotisch, auch weil wir es nicht verstehen wollen“

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24.04.2022

Wenn Frühjahr ist, beobachte ich die Waldameisen. Ich hocke mich vor das Nest im Wald und lasse meinen Blick im Wimmeln dieser namenlosen Staaten verloren gehen. Und ich bin, ohne Ausnahme, fasziniert. Dieses Chaos, das wie in unserem Universum gar kein Chaos ist, sondern ein System, eine Ordnung, die wir Menschen nur nicht verstehen und sie deswegen als „Durcheinander“ beleidigen.

Diese kleinen Körper mit ihren schwarzen Köpfen, die rote Mitte. Manche haben Flügel, damit sie sich auf den Weg machen können, die Kolonie zu vergrößern, manche sind mit einem großen Gebiss ausgestattet, um damit zu kämpfen oder Holz zu zernagen. Andere tragen Reiskörner oder die Kinder, die Nachkömmlinge, wild umher. Und irgendwo in der Mitte dieses handwarmen Baues, der im Winter und Sommer die immer gleiche Temperatur hat, pulsiert eine Königin und gebärt. Das alles weiß ich, wenn ich diese imposanten Hügel, diese einzigartigen Meisterwerke tierischer Architektur betrachte. Und es beruhigt mich, die Gewissenhaftigkeit dessen, was sie tun. Das fehlende Bewusstsein, warum sie es tun, hat auf mich eine außerordentlich beruhigende Wirkung.

Ameisen fragen sich nicht, warum sie jeden Morgen zur Arbeit gehen, sie folgen nur der Spur eines Pheromons. Das Glück einer Ameise ist, nicht zu wissen, was die Alternativen........

© Berliner Zeitung


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