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Machen statt meckern: Beuys’ erweiterter Kunstbegriff auf Sächsisch

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Seit ein paar Wochen spuckt die aus Chemnitz kommende Straßenbahn im sächsischen 6000-Seelen-Dorf Thalheim immer wieder Künstler und Künstlerinnen aus aller Herren Länder aus. Etwa Marta aus Polen und Cheong Kin Man aus der chinesisch-portugiesischen Sonderverwaltungszone Macau. Elf Tage ist das Künstler-Duo durch die Drei-Tannen-Stadt gestreift, welche die Einheimischen in ihrem „arzgebirg’schen“ Dialekt liebevoll Tholm nennen.

Bei den sanften Hügeln muss Kin Man aus Macao an eine japanische Animé-Version von Heidi denken. Die Nussknacker erinnern ihn an japanisches Spielzeug. Aber warum steht das hier im Fenster, sogar im Sommer? Die beiden suchen Inspirationen für eine Videoinstallation und ein erzgebirgisches Geistergeld, das in einer Woche fertig sein soll. Dann wird Thalheim erstmals in seiner über 1000-jährigen Geschichte Austragungsort eines Kunstfestivals sein. Und zugleich ist es der regionale Auftakt und Probelauf für unzählige Events der Kulturhauptstadt 2025.

Zurück in die Zukunft nach Sachsen

Warum ausgerechnet Thalheim? Weil an dieser ostdeutschen Erfolgsstory auch ein Tholmer mitgeschrieben hat: Nico Dittmann. 2017 ist der jüngste Bürgermeister Sachsens gerade vier Jahre im Amt und wird von den Chemnitzern um Hilfe gebeten. Wie ließe sich die Region in die Kulturhauptstadt-Bewerbung integrieren? Wie könnte man dieser Kernforderung der EU-Kommission nachkommen? Der 37-jährige parteilose Informatiker hasst das Neinsagen, sprudelt vor Ideen. Für seine Kampagne „Machen statt Meckern“ hat Thalheim den sächsischen Demokratiepreis gewonnen. Also wer, wenn nicht er, hätte das Zeug zum Zugpferd für eine weltoffene Provinz hinter einem Europäischen Kulturhauptstadt-Leuchtturm?

Kunstaktion Streit um Panzer-Ausstellung vor russischer Botschaft spitzt sich zu

2018 besiegelt Dittmann die Unterstützung von zwei Dutzend Umland-Gemeinden zur Chemnitzer Bewerbung mit einem kraftvollen „Glück auf!“ Schließlich glaubt er an die Emanzipation des Erzgebirges. Weiß er, dass man sich nicht auf dem 2019 verliehenen Unesco-Welterbe-Titel für die tausendjährige Bergbaulandschaft beiderseits der sächsisch-böhmischen Grenze ausruhen kann. So überreicht der Vollbluteuropäer die offizielle Bewerbung zur Kulturhauptstadt symbolisch auf einer MZ, der kultigen DDR-Zweirad-Legende aus dem 30 Kilometer entfernten Zschopau. Dittmann sieht aus wie der Posterboy für einen weiteren Teil von Zurück in die Zukunft, nur eben auf sächsisch. Vielleicht konnte auch deswegen die Europäische Kommission nicht widerstehen und gab 2020 den Titel Kulturhauptstad an Chemnitz und seine Umlandgemeinden.

Der Gegensatz von Stadt und Land

Der Titel zieht. „Über 700 Künstlerinnen aus 68 Ländern haben sich für unsere Thalheimer Ausgabe beworben, fast doppelt so viele wie sonst“, sagt Lars Neuenfeld von den Chemnitzer Begehungen, einem Festival für Gegenwartskunst, das sich in den letzten 20 Jahren einen Namen als niederschwelliges Off-Kultur-Event in der sächsischen Industriestadt machte.

Stadt-Land-Joint-Ventures sind nicht nur Planerfüllung, wie seit RUHR.2010 bei Kulturhauptstädten üblich. Es ist gerade im Erzgebirge ein hochsymbolischer, längst überfälliger Akt der Annäherung. Schließlich leidet diese Region seit Jahrhunderten unter Minderwertigkeitskomplexen. Selbst der Volksmund sagt,........

© Berliner Zeitung


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