Chinas Wasserstoff-Offensive setzt Europa, insbesondere Deutschland unter Zugzwang

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China hat grünen Wasserstoff im Mitte März verabschiedeten 15. Fünfjahresplan deutlich aufgewertet. Wasserstoff, Ammoniak und Methanol werden dort nun neben Kernfusion als künftige Wachstumsfelder eingestuft, deren Ausbau die Volksrepublik in den kommenden fünf Jahren massiv vorantreiben will. Das ist auch für deutsche und europäische Unternehmen ein Warnsignal. Denn Wasserstoff ist längst mehr als ein industrieller Rohstoff. Er gilt inzwischen als Schlüsseltechnologie für Dekarbonisierung und Sektorkopplung.

Die Folgen von Pekings neuem Kurs bis 2030 reichen bis nach Namibia. Dort soll mit Hyphen Hydrogen Energy eines der symbolträchtigsten deutsch-namibischen Exportprojekte für grünes Ammoniak entstehen. Das Vorhaben bei Lüderitz im Süden des Landes wurde 2023 mit der namibischen Regierung vertraglich verankert. Von der damaligen Ampelregierung erhielt die Wasserstoffpartnerschaft mit dem afrikanischen Staat starke politische Rückendeckung.

Deutschlands neuer Blick auf Afrika

Dass Deutschland sich an der Wasserstoff-Offensive der namibischen Regierung beteiligen wollte, hängt auch mit der veränderten Afrikapolitik Berlins zusammen. An die Stelle klassischer Entwicklungspolitik treten zunehmend strategische Partnerschaften mit afrikanischen Staaten, etwa im Energie- und Rohstoffbereich, die ausdrücklich als Kooperation zum beiderseitigen Nutzen angelegt sind. Auf dem Gipfeltreffen der EU und der Afrikanischen Union 2025 in Luanda sprach Bundeskanzler Friedrich Merz von Afrika als einem „Kontinent der Chancen“.

Deutschland kommt mit dem neu eingeschlagenen Kurs reichlich spät. Afrika steht seit langem im Fokus globaler Mächte, vor allem Chinas. Und während die USA neue Zölle verhängen, kündigt Chinas Staatschef Xi Jinping an, vom 1. Mai an Zölle für fast alle afrikanischen Länder abzuschaffen. Das Interesse externer Akteure verteilt sich zwar ungleich auf die 54 Staaten des Kontinents, doch für viele afrikanische Länder öffnen sich damit Spielräume für Investitionen und Chancen auf eine beschleunigte ökonomische und technologische Entwicklung.

In Namibia lässt sich der neue deutsche Kurs besonders gut beobachten. Das Land ist für Deutschland nicht nur ein Wirtschafts- und Handelspartner, sondern als ehemalige deutsche Kolonie auch ein emotional aufgeladener Erinnerungsort. Das Deutsche Reich nahm das Gebiet des heutigen Namibia 1884 als Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ in Besitz. Nach dem Ersten Weltkrieg war es damit vorbei, doch im bilateralen Verhältnis steht historische Verantwortung bis heute gesondert im Raum.

Namibia ist fast so groß wie Deutschland und Spanien zusammen, mit rund drei Millionen Einwohnern aber äußerst dünn besiedelt. Die Bevölkerung ist sehr jung, etwa 37 Prozent der Einwohner sind unter 15 Jahre alt. Das birgt enormes Potenzial, erzeugt aber auch erheblichen Druck auf die Regierung bei Bildung, Qualifizierung und Beschäftigung. Die Aufgabe ist angesichts enormer Entfernungen und einer dünnen Siedlungsstruktur nicht einfach. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch.

Große Ambitionen, zäher Start

Mit grünem Wasserstoff öffnet sich für Namibia ein strategisches Fenster in einem zukunftsträchtigen Sektor. Sein Aufbau verspricht Investitionen in die Infrastruktur, industrielle Wertschöpfung und dringend benötigte Arbeitsplätze. Die Voraussetzungen für die Produktion sind günstig: viel Sonne, kräftiger Wind und große verfügbare Flächen.

Bereits 2021 stieß Namibia seine Wasserstoff-Offensive an. Als erstes Flaggschiffprojekt wurde Hyphen Hydrogen Energy, ein Joint Venture von Enertrag aus Deutschland und Nicholas Holdings, ausgewählt. Die Bundesregierung bot mit Blick auf die Klimaziele – EU will bis 2050 klimaneutral werden, Deutschland bereits bis 2045 und setzt dabei unter anderem auf grünen Wasserstoff – politische Rückendeckung.

Das Konsortium gab an, bis Ende des Jahrzehnts jährlich zwei Millionen Tonnen grünes Ammoniak zu produzieren. Inzwischen zeigt sich, dass der ursprüngliche Zeitplan zu ambitioniert war. Das Projekt befindet sich weiterhin in der Entwicklungsphase.

Die Hafen- und Exportlogistik steht bislang nicht. Denn Hyphen plant den Bau von Anlagen für grünes Ammoniak in Angra Point bei Lüderitz. Dafür muss der Hafen erst erweitert werden. An dem Vorhaben sind NamPort (Namibian Ports Authority), der Hafen Rotterdam und Gasunie beteiligt, die Afrikanische Entwicklungsbank finanziert vorbereitende Studien.

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Für Zweifel an der Tragfähigkeit sorgte besonders der Rückzug von RWE im vergangenen Jahr. Der deutsche Konzern war mit Hyphen über ein Memorandum zur Ammoniak-Abnahme verbunden und zog sich mit Verweis auf die schleppende Nachfrage in Europa zurück.

Hinzu kamen ungelöste ökologische und soziale Fragen rund um den Bau von Wind- und Solarparks, die Strom für Elektrolyseure liefern sollen. Die dafür bestimmten Flächen liegen zum Teil in einem ökologisch sensiblen Gebiet des Tsau-//Khaeb-Nationalparks. Kritiker warnen vor Risiken für die Biodiversität und irreversiblen Schäden an Wüstenökosystemen und marinen Lebensräumen. Indigene Gemeinschaften wie Nama und San fordern eine stärkere Einbindung sowie die Wahrung ihrer Land- und Nutzungsrechte.

Chinas neuer Plan trifft das deutsch-namibische Prestigeprojekt damit in einer heiklen Phase. Von Scheitern kann dennoch keine Rede sein. Das Großprojekt in Lüderitz ist institutionell abgestützt und politisch gewollt. Die Bundesregierung und die EU unterstützen Namibias grüne Industrialisierung. So wurde 2025 mit dem HyIron-Oshivela-Werk ein erstes Projekt für grünes Eisen in Afrika gestartet. Es wurde vom Bundeswirtschaftsministerium mit 13 Millionen Euro gefördert und arbeitet mit lokal erzeugtem klimaneutralem Wasserstoff.

Namibias Exportmodell unter Druck

China ist beim Wasserstoff längst nicht nur ein künftiger Wettbewerber, sondern bereits heute ein Schwergewicht. Das Land ist laut IEA die treibende Kraft bei Einsatz und Fertigung von Elektrolyseuren. 2024 entfielen 65 Prozent der weltweit installierten Elektrolysekapazität auf China. Auch bei Produktions- und Verbrauchsvolumina sowie der Zahl der Wasserstofftankstellen im Heimatmarkt gehört das Reich der Mitte zur Weltspitze.

Die Voraussetzungen, die Vorgaben des Fünfjahresplans in industrielle Praxis zu übersetzen, sind günstig. Der Binnenmarkt ist groß, die Industrie breit aufgestellt, und die Regierung treibt die sektorale Kopplung von erneuerbarem Strom mit Wasserstoff, Ammoniak und Methanol systematisch voran.

Nun kündigt die Nationale Energiebehörde einen Übergang von der Pilotphase zum breiten Ausrollen integrierter Wasserstoffprojekte an. Dabei setzt Peking, zumindest nach offizieller Lesart, nicht nur auf Subventionen. Um die Nachfrage nach grünem Ammoniak und Methanol, etwa in der Stahl- und Chemieindustrie, bis 2030 zu steigern, will man Marktanreize mit verpflichtenden Beimischquoten kombinieren. Am Ende geht es um Skaleneffekte, Kostensenkung und Produktivität. Genau darin liegt die Herausforderung für Elektrolyseur-Hersteller aus der EU: Wer Wasserstofftechnologie liefert, konkurriert künftig nicht nur mit einem günstigeren, sondern auch einem leistungsfähigeren Angebot aus China. Beim erwähnten HyIron-Projekt Oshivela für grünes Eisen in Namibia kommt bezeichnenderweise ein chinesischer Elektrolyseur zum Einsatz.

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Hier zeigt sich die ganze Tragweite von Chinas Fünfjahresplan für Europa, wo zentrale Projekte der Energiewende deutlich langsamer vorankommen als politisch angekündigt. Die EU hält zwar an ihrem Ziel fest, bis 2030 zehn Millionen Tonnen erneuerbaren Wasserstoff und Derivaten zu produzieren und zehn Millionen Tonnen zu importieren. In Deutschland wird der Bedarf laut Nationaler Wasserstoffstrategie für 2030 auf bis zu 130 TWh geschätzt. Ein Großteil davon muss importiert werden. Doch während die EU noch mit Nachfrageaufbau, Finanzierung und Hochlauf ringt, geht China bereits den Schritt von Pilotprojekten zu Standardisierung und Skalierung.

Für Namibia sind die Risiken konkreter. Beim Vorzeigeprojekt Hyphen sind vor allem Zeit und Nachfrage entscheidend. Vieles spricht dafür, dass sich der Zeitplan weiter nach hinten verschiebt. Hinzu kommt neuer Wettbewerb durch weitere Energiepartnerschaften der EU. Ägypten und Marokko liegen geografisch näher; Transport und Logistik sind von dort einfacher zu organisieren als aus dem gut 8000 Kilometer von Deutschland entfernten Namibia. Ägypten verfügt mit H2Global bereits über einen Lieferpfad für grünes Ammoniak nach Europa. Marokko ist zudem politisch eng an die EU angebunden.

Gleichzeitig fördert die EU die heimische Wasserstoffproduktion, was dem künftigen Importbedarf Grenzen setzen kann. Mittelfristig droht zusätzlicher Wettbewerbsdruck auch aus China. Steigt die Volksrepublik in den kommenden Jahren zum kostengünstigen Großlieferanten von Wasserstoff auf, gerät Namibias Exportmodell erheblich unter Druck – es sei denn, das Land sichert sich politisch flankierte Verträge, langfristige Abnehmer oder andere nicht-preisliche Vorteile.

Was jetzt auf dem Spiel steht

Chinas beschleunigter Wasserstoff-Hochlauf setzt deutsche und europäische Anbieter unter Zugzwang. Sie müssen rasch eine technologische Antwort auf den wachsenden Druck aus Fernost finden.

Der globale Wettbewerb um Wasserstoff wird damit schärfer. Hierzulande wird noch immer unterschätzt, wie stark chinesische Unternehmen inzwischen aufgestellt sind. Ihre Wettbewerbsfähigkeit beruht längst nicht nur auf Subventionen, sondern auch auf technologischer und industrieller Stärke. Damit rückt eine Frage ins Zentrum, die man in Europa nur allzu gut kennt: Wiederholt sich bei Wasserstoff, was zuvor bei Solartechnik und Elektromobilität im Wettbewerb mit China zu beobachten war? Die Forderungen nach einer industriepolitischen Abwehrdebatte über „Made in Europe“-Regeln werden bereits lauter.

Ob das allein der richtige Ansatz ist, um Europas Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, darf bezweifelt werden. Bundeskanzler Friedrich Merz stellte bei seiner China-Reise im Februar fest, China betreibe „mit großem Erfolg eine aktive Industriepolitik“. Für Deutschland sollte daraus weniger der Ruf nach Abschottung folgen als der nach strategischer Klarheit: Welche industriellen Kernbereiche will es sichern, wo will es technologisch führend bleiben und mit welchen Instrumenten? Mit der 2025 beschlossenen Hightech Agenda hat die Bundesregierung dafür zumindest einen ersten Rahmen gesetzt.

Das deutsch-namibische Hyphen-Projekt wird damit zum Lackmustest für die neu justierte deutsche Afrikapolitik. Gelingt daraus ein spürbarer Entwicklungsschub für das Land, von dem auch die Bevölkerung profitiert, könnte Namibia zum Referenzfall partnerschaftlicher Wirtschaftskooperation werden. Wenn nicht, bleibt die Rede vom „Chancen-Kontinent“ bloße Rhetorik, die in der Praxis zu wenig trägt.Svetlana Alexeeva ist unabhängige Publizistin, Osteuropaexpertin und Inhaberin von „Digital Insight Cis“.Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.


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