Wal-Drama in Wismar: Timmys letzter Weg und die Bedeutung des Lebens |
Das war keine Pressekonferenz, die da am Mittwochnachmittag in Wismar stattgefunden hat. Es war eine vorgezogene Trauerfeier für den Buckelwal Timmy, der im Sterben liegt. Die Predigt hielt der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern Till Backhaus. Er beschwor das nahende Osterfest, wies auf dessen Bedeutung hin. „Sie wissen, was Ostern ist, da ist man in Gottes Hand“, sagte er. „Und was mit Jesus passiert ist, wissen wir auch.“ Und schließlich ist auch ein Buckelwal ein Geschöpf Gottes.
Politiker, diesmal mit Emotionen
Neben Till Backhaus stehen drei weitere Männer, alle in schwarz, die Hände übereinandergelegt, die Köpfe gesenkt. Selbst die Körpersprache drückt aus, dass es hier um den Abschied von einem Lebewesen geht, nachdem man alles versucht hat, es zu retten. Nur eben vergeblich. Er habe den Wal angefleht, sagt Till Backhaus, wahrscheinlich vom Schlauchboot aus, in dem er sich Timmy vor zwei Tagen genähert hat. Wann ist jemals ein solches Wort auf einer Pressekonferenz aus dem Mund eines Politikers gekommen. Er wünscht ihm „dass er seine Ruhe bekommt und am Ende auch das Zeitliche segnen muss“.
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Thilo Maack, ein Meeresbiologe von Greenpeace, tritt vor - und überhöht den Wal zum Symbol für den Umgang des Menschen mit der Natur. Ihm stehen die Tränen in den Augen. Ein Mitglied der Sea Shepherd Crew ist als nächster dran, er spricht von der Majestät des Tieres, von Pietät, für welche die mecklenburgischen Polizisten sorgen, indem sie das Sperrgebiet überwachen, das man eingerichtet hat, um dem Wal die letzte Ruhe vor der allerletzten zu geben. Die Pietät, dieses auf Verehrung beruhende Pflichtgefühl, gebietet es.
Das Zeitliche segnen, sagt der Umweltminister. Nicht sterben, nicht verenden, stattdessen diese religiöse Wendung, die nichts anderes bedeutet, als dass der Sterbende, schon nicht mehr Teil der endlichen Welt, den Segen Gottes auf die Welt herabruft. Von seinem schweren Herzen spricht der Politiker, von Respekt vor der Natur. „Dieser gebietet es, ihn irgendwann gehen zu lassen.“
So als habe Buckelwal Timmy eine Patientenverfügung unterschrieben
Dann wieder Backhaus. Er kommt mit Moral, spricht von einer einzigartigen Tragödie, und schließlich die entlastende Formel „Er hat es sich so ausgesucht.“ So als habe der Buckelwal Timmy eine Patientenverfügung unterschrieben, in der er festgelegt hat, in den letzten Stunden seines Lebens über sich selbst zu bestimmen.
Schuld und Sühne kommen hier zusammen. Der Mensch „verseucht“ (Thilo Maack ) die Meere, dann gibt er einem Buckelwal, der ein Fischernetz verschluckt hat, einen Namen, wenn es schon zu spät ist. Und dann will er sterben, der Wal, und die Menschen erfüllen ihm den letzten Wunsch, den sie ihm unterschieben.
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Der Umgang mit dem Buckelwal Timmy zeigt schon auch, wie schwer es fällt, den Tod zu akzeptieren, das Leiden, das damit verbunden ist. Sogar Euthanasie hat man erwogen, das Wort nennt Burkard Baschek, der Direktor des Meeresmuseums Stralsund. Und man hat es verworfen. Zu riskant. Und nun gilt es auszuhalten, dass der Wal bei sinkendem Wasserstand von seinem eigenen Gewicht zerquetscht wird. Kein schöner Tod. Vielleicht hat der Politiker Till Backhaus in seiner Predigt deshalb die Verbindung zu Jesus hergestellt, der hingerichtet wurde, der am Karfreitag einen elenden Tod am Kreuz gestorben ist. Auch nicht schön.
Der Buckelwal Timmy, Jesus, Ostern. Nur das mit der Auferstehung lässt Till Backhaus weg. Timmys letzter Weg führt nach Stralsund, ins Meeresmuseum. Für eine Autopsie. Vielleicht wird sein Skelett dort irgendwann ausgestellt. Auch eine Art ewiges Leben.