Nirgendwo rempeln Menschen andere so schamlos an wie in Berlin – ohne um Entschuldigung zu bitten
Kürzlich hatte ich Freunde aus Frankreich zu Besuch. Sie waren sehr begeistert von Berlin. Abgesehen vielleicht von einer gewissen Hipster-Bäckerei in Kreuzberg. Tenor: In Frankreich ist eigentlich jede x-beliebige Dorfbackstube besser als dieser urbane Hype-Laden. Na gut. Vermutlich haben sie recht. Richtig schockiert hingegen waren meine Freunde von einem ganz anderen, sehr berlinischen Anti-Phänomen.
Dem Anrempeln ohne Entschuldigung. Vorzugsweise in U-Bahnhöfen und im Supermarkt, aber im Grunde auch überall sonst. Meine Freunde konnten es nicht glauben: Ständig wird man hier in Berlin schamlos angestoßen. Und keinen schert es! Als meine Freunde so darüber sprachen, musste ich ihnen recht geben. (Obwohl ich Berlin-Bashing durch Nicht-Berliner gemeinhin beargwöhne bis verabscheue.)
Wenn man Glück hat in Berlin, gibt’s mal ein „Sorry“
Aber es stimmt wohl. Zumindest mir ist keine andere Stadt bekannt, in der man so hemmungslos körperlich bedrängt wird – und das alle völlig normal finden. In Frankreich, zum Beispiel, hört man sofort ein stilvolles „Pardon“, wenn jemand einen versehentlich auch nur zart antupft auf der Straße. Sicherheitshalber sagt der Angetupfte dann aber auch noch „Pardon“. So viel Höflichkeit muss sein. Wer weiß, ob er nicht vielleicht eine kleine „Mitschuld“ trug am Touchieren.
Kassiererin motzt Kundin empört an: „Was soll ich in Berlin mit Vertrauen?“
Flughafen BER: Was geschah, als ich es wagte, abends einen Cappuccino zu bestellen
Wenn man Glück (und sehr viel davon) hat in Berlin, entfährt einem Rempler dann doch mal ein müdes, passiv-aggressives „Sorry“. Meist im Tonfall von „hättest du mal besser aufgepasst“ oder „fick dich“. „Sorry Seems To Be The Hardest Word“, sang Elton John schon 1976 – zwar ohne Verweise auf die Berliner U-Bahn, aber gewisse Situationen (Rosenkrieg und Öffis) holen anscheinend das Schlimmste im Menschen hervor.
Berliner Alltag gleicht rüpelhafter Kommentarspalte
Und wahrscheinlich ist das alles in den letzten Jahren noch mal rücksichtsloser geworden. Nicht nur weil Menschen sich (verständlicherweise) im öffentlichen Raum oft in ihre Schutzschalen begeben, mittels Smartphone und Kopfhörern, sodass man die Außenwelt kaum noch wahrnimmt. Auch die Parallelwelt namens Internet ist freilich kein Ort von Höflichkeit. Und Berliner Alltag wirkt allzu oft wie eine analoge rüpelhafte Kommentarspalte.
Gleichwohl gibt es doch noch Momente der Hoffnung: Letztens in der U8 (ich konnte es kaum glauben) hörte ich ein „Ich bitte um Entschuldigung“. Es klang nach siebtem Himmel, also ziemlich Avantgarde, nicht nur für die viel gescholtene U8.
