Joe Jackson: „Die Lebensqualität in Berlin ist sehr hoch im Vergleich zu New York“
Als wir Joe Jackson am frühen Abend im prächtigen Büro seiner Plattenfirma Edel unweit von Alexanderplatz und Volksbühne treffen, nimmt er lässig auf einer Couch Platz. Ist das Mineralwasser in seinem Whiskeyglas? Seine neue starke Platte „Hope and Fury“ ist jedenfalls teils wieder in Kreuzberg entstanden, wo Jackson vor 20 Jahren dicht an den Landwehrkanal zog. Nicht nur wegen des damals neuen Rauchverbots in New York, wie er uns noch sagen wird.Herr Jackson, Sie kamen ursprünglich nicht gerade aus reichem Elternhaus. Wie haben Sie es damals geschafft, Ihre Eltern davon zu überzeugen, dass Sie Geige und dann Klavier lernen durften? Ich glaube nicht, dass sie überzeugt waren. Ich denke, ich war einfach ziemlich entschlossen und stur. Mehr weiß ich darüber nicht mehr, es ist schon lange her.
Warum haben Sie das Klavier der Geige vorgezogen?Nun, ich wollte Musik schreiben. Mein Ehrgeiz war es, Komponist zu werden. Außerdem ist es einfacher und vielseitiger.
Hat Ihr Asthma das Singen als Kind eigentlich erschwert oder eher erleichtert, weil Sie sich ohnehin mit Ihrer Atmung auseinandersetzen mussten?Oh, als Kind habe ich nie ans Singen gedacht. Ich habe es erst viel später überhaupt versucht. Sogar als ich mein erstes Album aufnahm, war ich nicht davon überzeugt, singen zu können. Ich habe einfach mein Bestes gegeben – hielt es aber ehrlich gesagt nicht für besonders gut. Aber ich wurde besser, ich denke etwa ab Mitte der 80er-Jahre.
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Welches Album würden Sie nennen, ab dem es besser wurde?Vielleicht „Blaze of Glory“ (1989). Um diese Zeit herum fing ich an, besser zu singen. Aber es hat Zeit gebraucht; ich bin kein Naturtalent als Sänger. Ich habe mir Gesangslehrer gesucht und Unterricht genommen. Ich habe Techniken gelernt, die wirklich geholfen haben. Zuerst ging es nur ums Überleben, weil ich touren wollte – ohne Shows wegen Stimmverlust absagen zu müssen.
Man sagt, dass Sie Ihre frühen Auftritte vor betrunkenen Seeleuten gespielt haben. Wie behauptet man sich als Musiker gegen so ein Publikum?Das waren die Tage, in denen wir meistens Coversongs gespielt haben. Nach und nach versuchten wir, eigene Songs einzubauen, aber dann gingen alle an die Bar, weil sie die Cover hören wollten. Es war ein großer Kampf, Orte zu finden, an denen man uns zuhörte.
Wie gefallen Ihnen eigentlich Coverversionen Ihrer eigenen Songs? Es gibt zum Beispiel eine Version von „Real Men“ von Tori Amos.Das ist eine sonderbare Version, weil sie an einer Stelle den Text geändert hat. Ich fühle mich immer geschmeichelt, aber ich bin nicht sicher, ob ich schon mal eine Coverversion eines meiner Songs gehört habe, die mir wirklich gefallen hat. Die einzige, an die ich mich erinnere, die mich zumindest zum Lachen brachte, war eine Version von „Got the Time“. Wir spielen diesen Song ja normalerweise auch live immer so schnell wie möglich. Und bei diesem Cover haben sie eine ganz langsame Version daraus gemacht. Das fand ich eine großartige Idee.
Sie erhielten als junger Mann ein Stipendium für Komposition an der prestigeträchtigen Royal Academy, schienen sich danach aber gegen die klassische Musik entschieden zu haben. Später gewannen Sie einen Grammy für Ihre Sinfonie. Was passierte da im Lauf der Jahre mit Ihrer Beziehung zur klassischen Musik?Meine Sinfonie ist ja eigentlich keine klassische Musik, sondern eine Art moderne, jazzige Sinfonie. Auch als ich an der Royal Academy war, interessierte ich mich für alle Arten von Musik. Es war einfach eine bessere Gelegenheit, als in einer Fabrik zu arbeiten. Aber als ich die Akademie verließ, war es offensichtlich, dass ich dort nicht reinpasste. Meine Karriere würde nicht in der klassischen Musik stattfinden.
War die Entscheidung, Punk-Musik zu spielen, eine Rebellion gegen Ihr Umfeld?Nein, das glaube ich nicht. Ich war einfach in einem bestimmten Alter zu einer bestimmten Zeit. Es passierten Dinge, die mich begeistert haben. Ich fand die ganze Punk-Sache immer sehr lustig und unterhaltsam. Es schien die richtige Zeit zu sein, alles viel einfacher zu machen, aber es war letztlich doch zu limitiert.
Für Ihr auch kommerziell sehr erfolgreiches New-York-Album „Night and Day“ haben Sie 1982 die Gitarren weggelegt und stattdessen Perkussion und Keyboards genutzt. Was hat New York mit Ihnen angestellt, als Sie dort ankamen?Es war ein Gefühl von Freiheit. Und ich war sehr begeistert von der Latin-Musikszene. Ich habe die Leute, mit denen ich zusammenarbeitete, gezwungen, Latin-Musik zu hören, damit sie sie verstehen. Dieser Einfluss ist immer noch da, definitiv auch auf dem neuen Album.
2006 sind Sie nach Berlin gezogen. War das wirklich nur wegen des Rauchverbots in New York, wie oft behauptet wurde?Nein, natürlich nicht. Es war das Gleiche, was mich anfangs an New York gereizt hat: ein Gefühl von Freiheit. Berlin ist eine sehr interessante, ungewöhnliche Stadt, aber gleichzeitig sehr entspannt. Die Lebensqualität dort ist sehr hoch im Vergleich zu New York. New York ist mir in letzter Zeit ehrlich gesagt auf die Nerven gegangen.
Warum das? Liegt es an der Politik?Nein, einfach wie es dort ist zu leben. Junkies, die sich direkt vor meinem Haus auf der Straße Spritzen setzen. Solche Sachen, die die Lebensqualität betreffen. Aber New York ist immer noch meine Arbeitsbasis, dort habe ich meine Kontakte und Musiker.
„Ich mag Eckkneipen und deutsches Bier“
Sie pendeln zwischen New York, Portsmouth und Berlin. Brauchen Sie das Gleichgewicht dieser drei Orte?Berlin nicht mehr. Ich hatte dort eine Wohnung gemietet, sie aber vor zwei oder drei Jahren aufgegeben. Man kann nicht an drei Orten gleichzeitig leben, das ist lächerlich. Es war zu viel.
Aber Sie haben das neue Album noch in Berlin begonnen.Ja, bei einem Typen in Kreuzberg. Die Demos dort wurden so gut, dass ich viel davon behalten konnte. Ich dachte, ich müsste alles neu aufnehmen, auch den Gesang, aber dann merkte ich, dass ich es eigentlich nicht besser machen kann. Manchmal ist die erste Version direkt die richtige.
Welche Ihrer neuen Songs haben Sie zum Großteil in Berlin erschaffen?Einer der besten Songs auf dem Album ist „End of the Pier“. Ich habe dort wirklich mit dem Gesang gekämpft, aber nach ein paar Monaten merkte ich, dass es doch in Ordnung war.
Apropos Berlin: Welches ist Ihr Lieblingsstadtteil?Ich habe in Kreuzberg gewohnt, aber ich mag auch andere Viertel. Ich weiß das alte West-Berlin mittlerweile mehr zu schätzen als früher. Berlin ist eine interessante Stadt und ich werde immer wieder zurückkommen.
Was genießen Sie besonders, wenn Sie in Berlin sind?Ich mag eine richtig traditionelle Eckkneipe und ein deutsches Bier.
Ihr erstes Berlin-Album 2006 hieß „Rain“, Regen. Finden Sie Berlin als Engländer besonders regnerisch?Nicht im Vergleich zu England. In England haben wir allerdings oft einfach graues, bewölktes Wetter. Deshalb denken die Leute, es regne immer.
Der Titel Ihres neuen Albums „Hope and Fury“ scheint eine Anspielung auf die englische Hymne „Land of Hope and Glory“ zu sein. Machen Sie sich über England lustig?Ich mache mich über einige Dinge und Leute lustig, zum Beispiel in meinem neuen Lied „Fabulous People“. Das Land ist momentan sehr gespalten und nicht sehr glücklich. Es gibt viel Wut, aber auch immer etwas Hoffnung. Ich hege eine Art Hassliebe zu England. Nichts macht mich so wütend oder so traurig wie England – aber es gibt auch keinen Ort, den ich mehr liebe.
Auf dem Albumcover brennt im Hintergrund ein Gebäude am Hafen, während Sie gemütlich Tee trinken.Das Gebäude ist der South Parade Pier in meiner Heimatstadt Portsmouth; er ist in den Siebzigern tatsächlich abgebrannt. Das Bild ist zweideutig. Man kann es so sehen, dass das Land zur Hölle geht, während ein Engländer davor steht und so tut, als würde er es nicht bemerken – und eine Tasse Tee trinkt, weil wir das eben immer so machen: abwarten und Tee trinken.
In Ihren Texten legen Sie sich oft mit dem Politisch Korrekten an. Macht Politische Korrektheit Sie wütend? Oder nehmen Sie sie als Witzvorlage?Ein bisschen von beidem. Ich habe diesen Drang, mich über Leute lustig zu machen, die sich selbst zu ernst nehmen. In „I’m Not Sorry“ geht es um die Cancel Culture. Es ist oft ein Fehler, sich zu entschuldigen, nur um seine Karriere oder seinen Ruf zu retten. Es hat keinen Sinn, sich bei Leuten zu entschuldigen, die einen nur fertigmachen wollen.
Halten Sie Politische Korrektheit für eine Gefahr für die Meinungsfreiheit?Absolut. Das sind Leute, die sich überlegen fühlen und Meinungen zu Dingen haben, über die normale arbeitende Menschen nicht nachdenken. Diese Leute sitzen oft in den Medien, und ich nehme sie nicht sehr ernst.
„Es ist nervig, im Supermarkt erkannt zu werden“
Im von Ihnen schon erwähnten Song „Fabulous People“ geht es um jemanden, der die schwule Welt für sich entdeckt. Inwieweit haben Sie dabei auf Ihre eigene Lebensgeschichte als bisexueller Mann zurückgegriffen?Absolut gar nicht. Billy ist ein ganz gewöhnlicher Typ, der es hasst, gewöhnlich zu sein. Er möchte zu den „Fabulous People“ gehören, also versucht er, seinen Platz im LGBTQIA+-Spektrum zu finden. Ich finde, man sollte ein „S“ für „Straight“ hinzufügen, dann wäre es wirklich inklusiv und wir könnten das Ganze einfach vergessen. Ich kann es einfach nicht lassen, mich über Leute lustig zu machen, die sich zu ernst nehmen.
Wollten Sie nie fabulous sein? Haben Sie Ihren Erfolg mit „Night and Day“ und das Leben als Popstar damals nicht auch genossen?Nein, ich mag den Promi-Aspekt nicht. Es war nie mein Ziel, berühmt oder reich zu sein. Mein Ehrgeiz war es, der beste Musiker zu sein, der ich sein kann. Es ist nervig, im Supermarkt erkannt zu werden, wenn man gerade Zahnschmerzen hat. Aber ich beschwere mich natürlich nicht über ein erfolgreiches Album; es bedeutet, dass ich ein weiteres machen kann.
In Deutschland hatten Sie 2019 mit „Fool“ Ihre beste Chartplatzierung aller Zeiten. Zahlt es sich aus, wenn man als Musiker nicht dem Zeitgeist hinterherläuft, sondern sein eigenes Ding macht?Ja, total.
Doch wie finden Sie den jeweils neuen Sound für Ihre Alben, die sich ja doch sehr voneinander unterscheiden?Das ist ein organischer Prozess, den ich selbst nicht ganz verstehe. Vieles ist intuitiv. Ich fange nicht mit einem Plan oder Konzept an. Das einzige Konzeptalbum, das ich je gemacht habe, war „Heaven and Hell“. Ansonsten folge ich meiner Intuition. Kunst kommt weder nur aus dem Herzen noch nur aus dem Kopf – sondern aus einem Ort dazwischen. Dem Unbewussten.Joe Jackson: Hope and Fury. Earmusic/Edel, 2026. Berlin-Konzert: Admiralspalast, 2. November, 19.30 Uhr, VVK ab 59 Euro, Karten erhältlich im Ticketshop der Berliner Zeitung.
