„Zartmann raus“: Radikale Feministinnen ätzen in Hamburg gegen Berliner Sänger

Nicht alle mögen Zartmanns Lieder. Manchen sind sie zu weichgespült, zu kommerziell, zu gefällig, zu omnipräsent. Letzteres Argument zieht sogar bei Zartmann selbst: „Ich denke, dass es schon ein oder zwei Leute gibt, die genervt sind von dem Song“, hat uns der Generation-Z-Liedermacher aus Prenzlauer Berg Ende 2025 über die Rezeption seines Überhits „Tau mich auf“ erzählt – „weil er überall gelaufen ist“. Den Verdruss Einzelner darüber könne er sogar verstehen: „Ist in Ordnung so.“

Doch nun, just während Zartmann sich auf großer Deutschland-Tour befindet, formuliert sich eine neue Kritik an ihm und seinen Liedern – mit einer völlig anderen Stoßrichtung. Diesmal geht es nicht um seine Sounds, sondern um seine Texte. Vorgetragen wird sie vom Hamburger Ableger der radikalfeministischen Gruppe Zora – anlässlich des Hamburg-Konzerts von Zartmann am gestrigen Dienstag, dem 17. Februar. „Zartmann raus aus unserer Stadt“, fordern sie in harter Cancel-Culture-Manier.

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Das kann einen fast schon an feministische Demonstrationen erinnern, die fordern, dem Rammstein-Sänger Till Lindemann die Bühne zu entziehen. Doch während Lindemanns Texte tatsächlich (von der Kunstfreiheit gedeckt) an vielen Stellen sexualisierte Gewalt gegen Frauen besingen, galt das lyrische Ich bei Zartmann eigentlich bislang eher als woker linker Gefühlsmensch, der nichts Böses im Schilde führt.

Die Zora-Feministinnen sehen es ganz anders: „Wie viele andere seiner Sparte gibt der Musiker sich in seinen Songs sensibel, sanft und feministisch“, schreiben sie auf ihrem offiziellen Instagram-Konto. Auf diese Weise erreiche Zartmann auch eine große weibliche Zuhörerschaft. „Aber auch seine Texte, seine Darstellung der Frauen und seiner Beziehung zu ihnen schadet uns.“ Er singe von „rückschrittlichen Idealen für Frauen“, „von einem Gefängnis aus Erwartungen, in das er sie steckt“. Es wirkt fast so, dass Linke sich hier gegenseitig zerfleischen: Hyper-Woke gegen Woke.

Doch was konkret wirft Zora Zartmann vor? Am Beispiel von „Tau mich auf“, den sie einer radikalfeministischen Lektüre unterziehen, behaupten sie, Zartmann an den Moral-Pranger stellend: „Die Frau als Objekt seiner Begierde soll Zartmann vor allem helfen, ihn aus seinem Weltschmerz zu retten und seine Traurigkeit durch Fürsorge aufzulösen.“

Dass hier keineswegs (wie in so vielen anderen popkulturellen Narrativen) ein aktiver Mann als Retter einer passiven Frau stilisiert wird, sondern Zartmann, ganz im Gegenteil, sein lyrisches Du (übrigens keineswegs gesichert eine Frau) respektvoll als Rettung anpreist – all das scheint in dieser Lesart gar nicht mehr zu zählen. Stattdessen diagnostiziert Zora dem Lied eine „einseitige, ausbeuterische Dynamik“. Zartmann als Personifikation des Patriarchats?

„Feminismus ist gut, aber das ist einfach Männerhass“

Selbst in den Kommentaren auf den Zora-Post geht das dann doch vielen zu weit – auch solchen, die Zartmanns Musik aus anderen Gründen nicht sonderlich mögen. „Feminismus ist gut, sogar sehr wichtig“, schreibt eine Person. „Aber das hier ist einfach Männerhass, hier werden Lines aus Songs aus dem Kontext genommen.“

Auch ein User namens Tim kontert die Kritik: Zartmann singe nicht über Frauen, sondern über Beziehungen, Nähe, Unsicherheit und emotionale Dynamiken. „Und die sind nicht an ein Geschlecht gebunden. Viele seiner Texte sind bewusst offen formuliert, sodass sich unterschiedliche Menschen darin wiederfinden können, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung.“

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„Das hat mit konstruktiver Kritik wenig zu tun“, kontert ein anderer User den Zora-Post. Keine der zitierten Textstellen belege auch nur einen der Vorwürfe gegen Zartmann. „Vielmehr sind sie, vor allem im Kontext der weiteren Zeilen, ein nicht-toxisches Abbild von (romantischen) Beziehungen zwischen zwei Menschen, ganz unabhängig ihres Geschlechts.“

Die Fans (darunter viele junge linke Frauen) sehen es vermutlich ähnlich. Am Freitag, dem 6. März, werden sie ziemlich sicher zahlreich zum Zartmann-Konzert in die Max-Schmeling-Halle pilgern, Boykottaufrufe hin oder her.


© Berliner Zeitung