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Bitte küss mich nie wieder: Hilferuf aus der Oderberger Straße

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19.09.2021

Berlin - Neulich habe ich zum ersten Mal die Nerven verloren. Es ist ein Abend mit einer Freundin, die Flasche Rotwein steht geöffnet auf dem Balkon, wir hören den geschäftigen Lärm der Oderberger Straße: das Klirren von Essbesteck, das Poltern von Rollkoffern, das Kreischen, wenn aus Versehen etwas Blumenwasser von Balkonpflanzen auf Restaurantgäste tropft (hihi). Doch dann kommt einer dieser Musiker, die keine sind, und spielt „Careless Whisper“ von George Michael auf seinem Saxophon. So wie er es spielt, hasst er den Song. Er trifft nur jeden dritten Ton, und wir auf dem Balkon halten Augen rollend den Atem an. Als er fertig ist, stellt er sich an das nächste Restaurant, also zehn Meter weiter, und spielt das gleiche Lied, genauso schlecht. Danach direkt gegenüber. Beim vierten „I’m never gonna dance again“ wird es mir zu viel: Ich stehe auf dem Balkon, buhe aus Leibeskräften auf die Straße, schreie: „Aufhören!“ – und hasse mich gleichzeitig dafür.

Vor sieben Jahren zog ich in die Oderberger Straße, und bis heute kann ich mich noch an diese Euphorie erinnern, als ich damals zum ersten Mal auf genau diesem Balkon stand und die Straße hinunterschaute, in Richtung Mauerpark. Morgens bis elf knallt die Sonne auf die Straße, verschwindet dann Richtung Schwedter Straße, und bevor sie untergeht, schaut sie noch einmal in der Oderberger vorbei. Die ganze Straße wird dann von Wedding her für eine Viertelstunde in dieses orangefarbene, magische, instagrammable-langschattige Licht getaucht. Ich habe diesen Moment seitdem sehr häufig fotografiert und kann dann jedes Mal mein Glück kaum fassen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 18./19. August 2021 im Blatt:
Rot-Grün-Rot hat laut Umfragen eine Mehrheit im Bundestag von 52 Prozent. Ist das ein linkes Schreckgespenst oder........

© Berliner Zeitung


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