„Man hat keine Angst mehr, sich alle Knochen zu brechen“: Wie die Berliner den Frühlingsstart feiern |
Sobald die Temperaturen in Berlin die 15 Grad Celsius übersteigen, der Wind in seiner Hütte bleibt und die Sonne auf den Asphalt knallt, wird auch der letzte Spießbürger zu Hans im Glück. Im Osten Berlins wird wieder flaniert. Menschen schlendern mit ihren zwei Eiskugeln in der Waffel – Sorten: Basilikum und fermentierter Ziegenkäse – durch die Simon-Dach-Straße. Selbst der blasseste Griesgram lässt die Augenringe an diesem Samstagnachmittag in den heimischen vier Wänden und richtet die Mundwinkel in Richtung Himmelblau. Auch die Tram, die getränkt in Bundeswehr-Grün und bedruckt mit Rekrutierungssprüchen durch die Grünberger Straße rollt, kann hier die Laune nicht verderben.
Die Außenterrassen der Cafés sind gefüllt. Bestimmten vor wenigen Wochen noch heißaufgeschäumte Kuh- oder Hafermilch im Cappuccino den Ton, sind es heute Iced Matcha Latte, Aperol Spritz oder auch ein kühles Blondes. Hans im Glück sitzt schon im T-Shirt da, richtet das Gesicht mit geschlossenen Augen in Richtung Sonne und sagt alle paar Sekunden, wie großartig das Wetter doch ist.
Beleidigendes Merz-Plakat bei Wehrpflicht-Demo? Polizei ermittelt gegen 18-Jährigen
„Wir haben ein Leben zu leben“: Schüler protestieren in Berlin gegen Wehrpflicht
„Ich bin im Frühling energetischer“
„Ich bin im Frühling definitiv energetischer“, weiß eine junge Frau namens Vanessa, die mit ihrem Freund über das aufgetaute Bitumen schlendert. „Ich genieße es, lange Spaziergänge zu machen in der Sonne, ich habe auch das Gefühl, dass die Menschen generell besser gelaunt sind“, sagt Vanessa. Mit dem Anstieg der Temperaturen, steige bei ihr auch die Lust rauszugehen und „Dinge“ zu erleben.
Ihr Freund Philip, bekleidet mit einem grasgrünen Adidas-Trainingsanzug, teilt ihre Meinung. Den Mut, eine kontroverse Meinung zu äußern, bringt er an diesem Samstag trotzdem auf: „Ich muss sagen, dass ich den Winter auch sehr fühle. Ich liebe auch den Winter in Berlin, was für viele Menschen unverständlich ist.“ Dem Frühling müsse er trotzdem seine Wirkung anrechnen: „Es macht schon was mit den Menschen. Ich habe die ersten Underground-Raves an der Warschauer Straße gesehen und das ist wie das Frühlingserwachen. Einfach schön, die Leute lachen zu sehen.“
Gute Laune, aber „die Pollen sind ein Problem!“
Eine Frau im schicken Frühlingsoutfit und Sonnenbrille will noch ihre Tram am Frankfurter Tor erwischen. Die Zeit, um der Berliner Zeitung zu sagen, wie es ihr im Frühling ergeht, nimmt sie sich trotzdem mit einem unbeschwerten Lächeln auf den Lippen: „Der Frühling macht gute Laune und Energie. Die Pollen sind aber ein Problem – und Luft bekommen! Da kommt leider schon meine Bahn.“
„Ich finde den Frühling echt super! Endlich ist mal ein wenig Leben da“, sagt Verena, die die Warschauer Straße entlangspaziert. Ihre Shorts aus Denim hat sie mit Boots und Pulli kombiniert. Dazu eine lässige Sonnenbrille. Negativseiten habe der Frühling in ihren Augen nicht – nicht einmal die herumfliegenden Pollen oder überfüllte Außenterrassen in Berlins Cafés können Verenas Gemüt dämpfen.
„Man muss keine Angst vor Knochenbrüchen haben“
Sven sieht es genauso. Trucker Cap auf dem Kopf und kariertes Hemd: Diesen Look sieht man dieser Tage öfter bei Gen Z. „Sobald die Sonne wieder rauskommt, kommen auch die Glücksgefühle zurück. Die Mood ist einfach eine bessere. Das Leben beginnt wieder, und die Leute kommen wieder raus“, sagt er. „Einer der besten Jahreszeiten“, findet Sven.
Ein älterer Mann sitzt mit einer hellblauen Jacke allein auf einer Späti-Bank, füllt Kreuzworträtsel aus. „Ist schon eine feine Sache, der Frühling“, sagt er. Er möge es nicht, fotografiert zu werden, aber zum Frühling will er trotzdem was sagen: „Die Leute sind glücklich, hier ist wieder Leben. Und man muss keine Angst mehr haben, sich alle Knochen zu brechen“, sagt er und meint damit die Eisesglätte, die vor wenigen Wochen Berlins Unfallkrankenhäuser gefüllt hatte.
Ende März wird auch die Uhr umgestellt, die Tage werden länger. Die nächsten 16 Tage sind in der Wetterprognose vielversprechend. Vorhergesagt werden Tiefsttemperaturen von elf Grad. Außerdem Höchstwerte von 18 Grad. Dazu wird es viele Sonnenstunden geben. Aufatmen ist angesagt. Der Berliner hat den überaus kalten Winter überstanden und dafür wird er mit einem umso schöneren Frühling und einem sich allmählich anbahnenden Sommer belohnt. Und jeder, der schon mal einen Sommer in der Hauptstadt erlebt hat, weiß, welche abenteuerliche und fröhliche Zeit einen erwartet.