Werden Lebensmittel knapp? Iran-Krieg bringt Hersteller von Düngemitteln in große Not

Der Iran-Krieg hat fundamentale Auswirkungen auf die Landwirtschaft auf unserem Planeten. Denn der Nahe Osten ist ein wichtiger Produzent von Grundstoffen für Dünger wie Erdgas sowie Harnstoff und Ammoniak. Aus der Golfregion, Ägypten dazugezählt, kommen rund 42 Prozent aller Harnstoffexporte. Harnstoff ist der wichtigste Stickstoffdünger auf den Feldern der Welt.

Etwa 27 Prozent der globalen Ammoniakexporte kommen aus Nahost. Allein der Iran stellt acht Prozent aller Harnstoffexporte und vier Prozent der Ammoniakausfuhren her. Mit Kriegsbeginn vor gut drei Wochen hat der Iran die Düngemittelproduktion komplett eingestellt. Was bedeutet das für die Landwirtschaft? Wie hoch ist der Preisanstieg für Düngemittel auf dem Weltmarkt? Werden Nahrungsmittel jetzt knapp? Wir geben Antworten.

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Preise für Harnstoff gehen um 35 Prozent hoch

Flüssiggas LNG ist der zweite Engpass: Aus Katar kommen etwa 20 Prozent des weltweit gehandelten Flüssiggases LNG und müssen durch die Straße von Hormus geschippert werden. Die Iraner blockieren dort den Schiffsverkehr. Wird LNG knapp, dann trifft das die Düngerproduktion. Das teure LNG führt zu Preissteigerungen bei Düngemitteln.

Zwar kaufen europäische Hersteller kaum in der Nahost-Region ein. Die Preise für die Stoffe werden auf dem Weltmarkt bestimmt und sie sind deutlich gestiegen. Harnstoff, im Englischen Urea, hat sich seit Februar bereits um 35 Prozent verteuert. Gewonnen wird er aus Erdgas, ebenso wie Ammoniak.

UN: Preise für fossile Brennstoffe und Dünger eng verknüpft

„Die Preise für fossile Brennstoffe und Düngemittel sind eng miteinander verknüpft“, darauf machte die Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), der Handels-Thinktank der Vereinten Nationen, bereits vergangene Woche aufmerksam. Prozesse der Öl- und Gasverarbeitung liefern Vorprodukte für Stickstoffdünger. Zudem sei die Schwefelproduktion in der Golfregion gestört, berichtet der britische Guardian. Schwefel ist ein Nebenprodukt der Öl- und Gasraffination und ein Bestandteil der Düngemittel.

Dünger aus Schiffslieferungen aus der Straße von Hormus bezieht der Sudan zu mehr als der Hälfte seines Gesamtbedarfs, Sri Lanka zu mehr als einem Drittel und Tansania zu 31 Prozent. Das geht aus den Daten der UNCTAD aus dem Jahr 2024 hervor.

Indische Bauern kaufen Düngemittel, Preis spielt keine Rolle

Indien, mit rund 1,48 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde, produziert 85 Prozent seines Harnstoffs aus LNG. Etwa 50 Prozent dieses LNG kommen aus Katar. Aus Katar legen an indischen Häfen derzeit keine Flüssiggas-Schiffe mehr an. Wenn die indische Harnstoffproduktion um zehn Prozent sinkt, muss Indien 25 Prozent mehr importieren. Sollte sie sogar um 20 Prozent sinken, muss Indien 50 Prozent mehr importieren, berichtet der Podcast der Tageszeitung Welt „Alles auf Aktien“.

Ist in Indien Pflanzsaison, müssen die Landwirte kaufen, koste es, was es wolle. Dabei spielt der Preis für den Dünger keine Rolle. Die indischen Bauern sind eine wichtige Wählergruppe. Mit ihren Käufen sorgen sie für eine Preisexplosion. Der Düngemittelhersteller Yara hat seine Produktion in Indien heruntergefahren.

Bauern können hohe Kosten für Dünger nicht einspielen

Aktuell sind die Bauern weltweit in der misslichen Lage, dass sie die hohen Kosten nicht weitergeben können. Die Getreidepreise sind nicht im gleichen Maße gestiegen. Der Dünger war schon vor dem Konflikt teuer, die Bauern konnten ihn kaum bezahlen. Die Sorge ist, dass die Nachfrage nach Düngemitteln schnell einbricht.

Die Bauern düngen weniger, ihre Erträge sinken. Werden die Ernten schlechter, steigen die Getreidepreise. Aber nicht sofort, sondern verzögert. Das würde bedeuten, im kommenden Jahr steigen die Lebensmittelpreise. In anderen Ländern könnte es zu Nahrungsmittelkrisen kommen. Das sagen Experten von JP Morgan, einer der größten Investmentbanken der Welt, in ihrem Podcast vorher.

Zwei Szenarien, die Ernten massiv einbrechen lassen

Es hängt an der Frage, wie lange der Krieg in Nahost anhält. In einem Szenario unterstellen die Analysten von JP Morgan, dass der Konflikt ein bis drei Monate dauern wird. Dann kauft Indien massiv, die Preise explodieren, andere Länder werden verdrängt, düngen weniger, und die Erträge sinken in diesem Jahr.

Dauert er länger als drei Monate, drohen für Stickstoffdünger echte Versorgungsengpässe. Die Nachfrage bricht ein, weil sich viele Bauern den Dünger nicht mehr leisten können. Die Erträge sinken massiv. Im kommenden Jahr könnte die Welt vor einer globalen Nahrungsmittelkrise stehen. JP Morgan sagt: Szenario 3 ist nicht unrealistisch. Denn selbst wenn es einen Waffenstillstand gibt, ist die Straße von Hormus vielleicht nicht sofort wieder offen.

Globale Agrarrohstoffhändler profitieren

Welche Unternehmen sind die Profiteure dieser Situation? Es sind die großen Düngemittelhersteller in Europa und den USA. Für die beiden europäischen Düngemittelhersteller Yara und K+S sehen Analysten wenig Potenzial. Die Entwicklung des Aktienkurses ist sicher einen Blick wert. Optimistischer sind einige Analysten noch für US-Anbieter wie CF Industries, Nutrien oder Mosaic, weil deren Gaspreise längst nicht so stark gestiegen sind wie die europäischen.

Mögliche Gewinner sind die Agrarrohstoffhändler wie Archer Daniels Midland oder Bunge. Archer ist einer der größten Agrarrohstoffhändler der Welt. Profitiert von Volatilität und Preisanstiegen, hat eigene Lagerkapazitäten. Bunge ist im Agribusiness und Food Processing tätig und profitiert ebenfalls von Preisvolatilität. Ist diversifiziert in Soja, Weizen, Mais, Zucker.


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