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Investoren kaufen ostdeutsche Äcker auf – Bodo Ramelow warnt: „Katastrophe“

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Im deutschen Supermarkt wirkt die Landwirtschaft wie ein Selbstläufer: Milch, Brot, Fleisch oder Kartoffeln sind scheinbar selbstverständlich verfügbar. Tatsächlich tobt dahinter ein harter Kampf um Boden und die Marktmacht des Einzelhandels.„Sie haben die Landwirtschaftsflächen geholt – und die Höfe wie Schrott in der Landschaft liegen lassen“, sagt Bodo Ramelow (Linke), Bundestagsvizepräsident und früherer Thüringer Ministerpräsident, am Freitagabend auf dem Bodenkongress in Thüringen mit Blick auf außerlandwirtschaftliche Investoren, die Ackerland in Deutschland aufkaufen.

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Zum Bodenkongress im Eiermannbau in Apolda, Thüringen, hatte die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft gemeinsam mit Partnern wie dem Netzwerk Flächensicherung eingeladen. Bei dem Treffen am 13. und 14. März diskutierten Landwirte, Politiker und Wissenschaftler über gerechte Bodenpolitik und Zugang zu Land.

Landwirte fühlen sich durch Aldi, Rewe und Co. bedroht

In der Mittagspause auf der Dachterrasse erzählt ein Landwirt, dass man als kleiner ökologischer Betrieb das Sortiment immer weiter ausdifferenzieren muss, damit es wirtschaftlich bleibt. „Das liegt am LEH, das ist wirklich krass“, sagt er. Gemeint sind „die großen Vier“ im Lebensmitteleinzelhandel: Aldi, Edeka, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland sowie Rewe.

Früher, sagt der Landwirt, hätten Kunden, die bewusst Bioware kaufen wollten, eher auf dem Markt, im Bioladen oder direkt beim Hof eingekauft. Heute hingen auch in den großen Ketten Bio- und Verbandslogos. „Mittlerweile ist es schon so weit, dass die LEHs mehr Eigenmarken im Bio-Segment haben als die Verbandsware. In zehn Jahren gibt es die Parallelstruktur nicht mehr.“

„Wenn wir nicht gleichzeitig den Blick darauf haben, wie monopolartig der deutsche Lebensmitteleinzelhandel organisiert ist, dann fehlt ein Teil des Problems“, sagt auch Ramelow auf dem Podium. Neben ihm sitzen dort Elisabeth Kaiser (SPD), seit Mai 2025 Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, Martin Häusling, seit Jahren agrarpolitischer Kopf der Grünen im Europaparlament, und Reiko Wöllert von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Moderiert wird die Runde von der Autorin und Agrarjournalistin Tanja Busse.

Wöllert, der bereits im vergangenen Jahr in der Berliner Zeitung vor einem Ausverkauf deutscher Agrarflächen gewarnt hatte, erinnert zu Beginn der Diskussionsrunde an den sogenannten Aldi-Deal. Gemeint ist der Einstieg der Aldi-Eigentümerfamilie in große Agrarbetriebe über Anteilskäufe. Also nicht der klassische Kauf einzelner Felder, sondern der Zugriff auf Tausende Hektar über Unternehmensbeteiligungen – sogenannte Share Deals.

Genau das, sagt Wöllert, sei lange kaum wahrgenommen worden. Es sei „besorgniserregend, dass die Gesellschaft davon nichts mitbekommen würde, wenn wir als AbL es nicht immer wieder aufdecken würden“. Das ist für ihn das erste Problem. In diesen Betrieben steckten Millionen an Steuergeldern, Fördermitteln und öffentlichen Investitionen – und dann würden sie „einfach so aus der Gesellschaft herausgenommen“, ohne dass es publik wird.

Thüringer Bauer warnt: Ackerkäufe sind „eine krasse Entgesellschaftung“

Ein weiterer Fall, über den in Apolda immer wieder gesprochen wird, ist der Verkauf der Deutschen Agrar Holding an den australischen Investor Igneo Infrastructure Partners. Die Gruppe bewirtschaftet nach Angaben der Bundesregierung rund 20.000 Hektar in Ostdeutschland und plant die Umwandlung von rund 1400 Hektar landwirtschaftlicher Fläche in Photovoltaik-Flächen.

Wöllert nennt die Share Deals eine „krasse Entgesellschaftung“. Wenn Betriebe in Investorenstrukturen übergingen, verschwinde nicht nur Eigentum aus der Region, sondern auch die Verantwortung. Der Nachbar ist dann eben nicht mehr der Landwirt von nebenan, sondern ein Unternehmen, das keinen Bezug zum Ort hat.

EU-Abgeordneter: „Es geht immer mehr weg von den Bauern und immer mehr zu denen, die Kapital haben“

„Es nimmt uns regionale Gestaltungsfreiheit“, sagt die Ostbeauftragte Kaiser. Wenn Eigentümer „nicht mehr verortet sind“ und „keinen Bezug mehr zu den Flächen haben“, verliere eine Gegend Einfluss auf ihre Entwicklung. Sie war vor kurzem erst in Pauscha in Sachsen-Anhalt, wo eine Initiative einen alten Hof im Ortskern wiederbeleben will. Doch der Eigentümer interessiere sich vor allem für die Flächen, nicht für das Gebäude, sagt Kaiser. Der Hof verfalle, während vor Ort Ideen für eine neue Nutzung blockiert seien. Verkaufen würde er nur zu einem Preis, den niemand im Ort zahlen könne.

Gerade weil Boden nicht vermehrbar ist und von ihm Ernährung, Artenvielfalt, Wohnen und Dorfentwicklung abhängen, ist seine Behandlung als bloße Ware nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein politisches Problem. „Es geht immer mehr weg von den Bauern und immer mehr zu denen, die Kapital haben“, sagt der EU-Abgeordnete Martin Häusling. „Am Ende sind die, die auf dem Land arbeiten, nicht mehr Herren ihres Landes, sondern geduldete Pächter.“

Dass in Bezug auf die Share Deals „bis heute nichts gemacht“ worden sei, nennt Ramelow eine „Katastrophe“. Besonders „bitter“ sei, dass große Akteure steuerfrei oder steuerbegünstigt kaufen könnten, während kleinere Genossenschaften oder regionale Zusammenschlüsse diese Vorteile nicht hätten.

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Die Kirche als gemeinwohlorientierter Verpächter

Am Samstag geht es im Panel über „Boden ohne Spekulation“ um genau diese Versuche: Boden dem Markt zu entziehen oder ihn anders zu bewirtschaften. Da ist zum Beispiel die Stadtbodenstiftung in Berlin, entstanden aus einer stadtpolitischen Initiative, die der Spekulation in der Hauptstadt etwas entgegensetzen will. Das Vorbild kommt aus den USA, von Community Land Trusts.

Ein weiteres Beispiel ist die Kulturland-Genossenschaft, die aus dem Fall eines Hofes in Baden-Württemberg entstanden ist, dessen Eigentümerin gestorben war und dessen Erbin verkaufen wollte. Statt nur für diesen einen Fall eine Lösung zu suchen, wie der Hof mitsamt der Flächen weiterhin in landwirtschaftlichen Händen bleibt, entstand ein Modell, das inzwischen nach eigenen Angaben 54 Höfe unterstützt und rund 477 Hektar gesichert hat.

Bürgerinnen und Bürger können dabei Anteile ab 500 Euro sichern. Gekauft wird nicht der ganze Betrieb, sondern „nur der Bodenträger“ – also der Boden unter den Gebäuden und Flächen, damit Höfe weiterarbeiten können, ohne selbst den ganzen Kaufpreis stemmen zu müssen. 20 Prozent der Flächen müssen Naturschutzflächen sein, die Betriebe müssen regional wirtschaften und offen für ökologische Landwirtschaft bleiben. Für Reiko Wöllert sind solche Modelle nicht die Abschaffung des Kapitalismus, aber kreative Antworten auf eine Lage, in der Bankkredite in manchen Regionen nicht mehr reichen.

Beispiele aus Erfurt und Ulm: Wie Kommunen eingreifen können

Auffällig ist, dass in dieser Samstagsrunde nicht nur von Initiativen und Genossenschaften die Rede ist, sondern auch von Kommunen und Kirchen. Wöllert verweist auf die Evangelische Kirche Mitteldeutschland, die ihre Flächen inzwischen nach gemeinwohlorientierten Kriterien verpachtet – ein Umdenken, das nach seiner Darstellung Jahre gebraucht hat.

Oder aber die Stadt Erfurt, die über eigenen Boden zumindest einen gewissen Gestaltungsspielraum hat. Aus der dortigen Verwaltung schildert Frank Mittelstädt, wie ein neues Vergabesystem seit 2022 Punkte für Ökologie, Inklusion, soziale Landwirtschaft, Viehwirtschaft und Betriebsgründung vergibt und damit kleinen Betrieben bessere Chancen ermöglicht als früher.

Noch weiter geht das Beispiel der Stadt Ulm, das am Samstag als kommunaler „Zwischenerwerb“ vorgestellt wird. Wer Baurecht will, kommt an der Stadt nicht vorbei. Die Stadt kauft Boden günstig ein, entwickelt ihn und verkauft oder vergibt ihn unter Bedingungen weiter – mit Wiederverkaufsrechten, die Spekulation erschweren sollen. Bodenpolitik ist also auch Verwaltungshandwerk, wenn der politische Wille da ist.

„Wir sind zusammengekommen, um Boden zu retten“, sagt am Ende einer der Beteiligten sinngemäß, „aber letztendlich geht es darum, Demokratie zu retten und sich nicht mehr ohnmächtig zu fühlen.“ Der Lebensmittelhandel, die Konzentration von Kapital, die Eigentümer großer Handelsketten – all das gehöre mit zur Bodenfrage. Nicht nur Bauern und Bäuerinnen seien betroffen, sondern am Ende auch alle, die einkaufen, wohnen, auf dem Land oder in der Stadt leben, Entwicklung vor Ort wollen. Eine Frage fällt deshalb fast zwangsläufig: „Ist Boden überhaupt Handelsware?“

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